Tesla Supercharger für alle: Das bedeutet die Öffnung

Tesla bietet seinen Kunden ein effektives und bisher exklusives Ladenetz. 2022 öffnen weitere Supercharger für alle Elektroautos, seit dem Sommer auch in Deutschland.

Constantin Bergander
Constantin Bergander
Tesla Supercharger (Ladesäulen)
Teslas firmeneigene Ladesäulen ("Supercharger") sind ein wichtiges Verkaufsargument. Jetzt will der Hersteller sie für alle Automarken öffnen [Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Chris Carlson]

Tesla gibt sein größtes Alleinstellungsmerkmal auf. Der Elektroautobauer aus Palo Alto will seine Schnellladesäulen („Supercharger“) für alle Fahrzeuge öffnen. Künftig laden dort nicht mehr nur Model S, Model X, Model 3 und Model Y, sondern jedes Elektroauto mit einem CCS-Anschluss – zum Beispiel die EQ-Familie von Mercedes, die ID-Modelle von VW oder die i-Fahrzeuge von BMW.

Seit dem 1. November 2021 dürfen andere Autos an Tesla-Superchargern laden. Das Pilotprojekt startete zunächst an zehn Supercharger-Stationen in den Niederlanden. Mitte Februar 2022 öffnete Tesla zudem alle seine niederländischen Stationen für Fremdfabrikate. Gleichzeitig hat der Hersteller die Aktion auf andere Länder ausgeweitet: Auch Elektroauto-Fahrende in Frankreich und Norwegen können nun ihre Nicht-Teslas an Tesla Superchargern laden. In Frankreich umfasst die Öffnung im ersten Schritt 16 Stationen mit einigen hundert Ladepunkten. Seit dem Sommer 2022 steht auch das Supercharger-Netz in Deutschland Fahrenden von Fremdfabrikaten offen. Aktuelle Informationen zum Thema gibt es direkt bei Tesla.

Zudem weist Tesla darauf hin, dass nur E-Auto-Fahrende aus den 14 größten europäischen Märkten, darunter die Niederlande, Frankreich, Norwegen, Deutschland und Belgien, Supercharger mit Fahrzeugen anderer Hersteller nutzen können. Ausnahmen gibt es aktuell in Osteuropa: In Polen, der Slowakei und Ungarn hat Tesla die ersten Supercharger kostenlos für alle E-Autos geöffnet, um Menschen die Flucht aus der Ukraine zu erleichtern. Warum bisher nur wenige Stationen? Tesla befindet sich nach eigener Aussage derzeit noch in einer Testphase. Es gehe darum zu ermitteln, welche Probleme auftreten können und gleichzeitig das „Kundenerlebnis“ für Tesla Kunden zu erhalten.

Hintergrund: Im Feld befinden sich unterschiedliche Supercharger-Generationen. Nicht alle eignen sich gleich gut für die Öffnung, Tesla öffnete in Frankreich daher vor allem die modernsten Systeme („V3“). Ältere Stationen stellen bei Vollauslastung je Ladesäule weniger Energie bereit. Hier wollte Tesla offenbar nur Ladeparks öffnen, die weniger stark ausgelastet sind, um Unzufriedenheit bei den eigenen Kund*innen zu vermeiden.

So funktioniert das Laden an Tesla Superchargern

Um Teslas Ladenetz zu nutzen, müssen Fahrende von Nicht-Tesla-Elektroautos die Tesla-App installieren, ein Kundenkonto eröffnen und darin ihre Kreditkartendaten hinterlegen. Sie können dann die CCS-Ladekabel verwenden. In der App lässt sich auch einsehen, welche Supercharger den Service bereits anbieten. Die Preise variieren laut Tesla von Standort zu Standort und liegen über denen für Tesla-Fahrende. Wer eine Lademitgliedschaft abschließe, erhalte einen günstigeren Preis, teilt Tesla mit. Dieser liegt auf dem Niveau dessen, was auch Tesla-Kund*innen pro Kilowattstunde zahlen.

Gerüchte über einen solche Öffnung der Supercharger waren bereits seit Jahren in Umlauf. Dennoch überraschte die Bekanntgabe von Tesla-Chef Elon Musk am 20. Juli 2021. Denn das Supercharger-Ladenetz gehört zu den stärksten Verkaufsargumenten für Tesla. In Nordamerika, Westeuropa und Ostasien ermöglicht es Tesla-Besitzern komfortable Langstreckenfahrten.

Zu sehen ist der Strom-Port des Tesla Model 3
Wer einen Tesla wie dieses Model 3 fährt, lädt an Teslas Superchargern mit vergünstigtem Tarif und bis zu 250 kW Ladeleistung, so es sich um einen Charger neuerer Generation handelt. [Bildquelle: TeamOn GmbH]

Supercharger für alle: Weltweit 30.000 Anschlüsse

Mittlerweile gibt es weltweit etwa 3.000 Tesla-Stationen mit rund 30.000 Ladeanschlüssen. In Deutschland verteilen sich 1.000 Ladesäulen auf 112 Orte. Öffentliche Ladesäulen sind stellenweise seltener, oft langsamer und generell in der Bedienung komplizierter. Über eigene Ladesäulen verfügt bisher kein anderer Autohersteller.

In der Pilotphase will Tesla die Nutzung seiner Ladestationen durch Fremdfabrikate genau untersuchen. Kommt es plötzlich zu Überfüllung und Staus, wie sind die Erfahrungen sowohl der eigenen Kund*innen als auch der „Ladegäste“? „Es war immer unsere Ambition, das Supercharger-Netzwerk für Nicht-Tesla-EVs zu öffnen und damit mehr Menschen zum Elektroauto zu bringen“ sagt Tesla. Dies beschleunige nicht nur die Möglichkeiten zum Ausbau des Netzes, sondern den Übergang zu umweltfreundlichen Energien insgesamt. Eventuell könne man schon bald Tesla- und Nicht-Tesla-Fahrzeuge an jedem Supercharger weltweit begrüßen.

Tesla-Kund*innen beruhigt der Hersteller: Für sie soll die „Supercharger-Erfahrung unverändert“ bleiben. Wirtschaftlich ergibt das Ende der Tesla-Exklusivität für Elon Musk Sinn, denn leere Ladesäulen verdienen kein Geld.

Lade-Netz soll 2022 um 60 Prozent wachsen

Tesla kündigte an, sein Ladesäulen-Netz innerhalb von zwei Jahren zu verdreifachen. In diesem Jahr sollen das Netz in Deutschland 68 neue Supercharger ergänzen, wie eine nun aktualisierte Version von Teslas Supercharger-Karte zeigt. Damit wächst Teslas Supercharger-Netz um etwa 60 Prozent.

Auf der Karte ist neben dem geplanten Standort auch der ungefähre Zeitpunkt für die Inbetriebnahme zu sehen. Die künftigen Standorte werden auf der Supercharger-Karte in grau angezeigt. Demnach verdichtet sich das Lade-Netz vom Nordwesten aus bis in die Mitte Deutschlands hinein. Unter anderem Leer, Bielefeld, Osnabrück und Göttingen werden angeschlossen, beziehungsweise weiter ausgebaut. Doch neben dem Schließen von Lücken, plant Tesla zudem die Großstädte zu entlasten. So erhalten auch Hamburg, München und Berlin neue Lademöglichkeiten.

 

Tesla-Modelle stehen an Superchargern Aufnahme mit einer Drohne
Tesla verdient durch die Öffnung der Supercharger für alle auf zwei Arten Geld. Der Hersteller lässt sich die Errichtung bezuschussen und verkauft künftig mehr Strom an die Besitzer*innen von elektrischen Fahrzeugen. [Bildquelle: dpa / Picture Alliance | Philipp Schulze]

Supercharger: Tesla erhöht die Preise

Tesla selbst kommuniziert die Preise an seinen Superchargern nicht öffentlich. Wie nun herauskam, hat Tesla die Preise für das Laden an Superchargern Anfang März 2022 erneut erhöht. Das Laden dort kostet nun in Deutschland 48 Cent pro Kilowattstunde (kWh).  Bis Ende 2021 waren es 40 Cent, zwischendurch 45 Cent. In den Niederlanden stieg der Preis von 27 auf 37 Cent, in Österreich von 36 Cent auf 41 Cent. Noch Ende 2020 betrug der Preis pro Kilowattstunde an Teslas Superchargern 33 Cent.

Auch aus anderen Nachbarländern berichten Tesla-Fahrende im Internet von höheren Preisen. So sind laut dem Magazin Ecomento die Preise in Frankreich Ende 2021 von 37 auf 40 Cent gestiegen, sowie in Spanien von 29 Cent auf 36 Cent. Die Informationen stammen daher aus Erfahrungsberichten von Supercharger-Nutzern. Mit 47 Cent je kWh kostet das Laden am Supercharger damit nun ungefähr so viel wie bei der Konkurrenz: EnBW beispielsweise berechnet seinen Kunden an eigenen Säulen 46 Cent (zuzüglich 5,99 Euro Grundgebühr).

Staatliche Unterstützung für Supercharger-Freigabe

Die Öffnung der Supercharger für alle erhöht die Anzahl der potenziellen Nutzer*innen. Das mag Tesla-Fahrende ärgern, denn sie sind freie Ladeplätze gewöhnt. Aber das reine Vorhandensein von vielen Schnellladesäulen genügt bald nicht mehr als Vorteil beim Neuwagenverkauf. Und Regierungen bieten finanzielle Anreize.

Beispiel USA: Ein verabschiedetes Infrastrukturpaket stellt ein Budget von insgesamt 7,5 Milliarden US-Dollar (umgerechnet ca. 6,4 Milliarden Euro) für die Eröffnung von Ladepunkten bereit. Für diesen Topf qualifizieren sich Ladesäulen, die öffentlich zugänglich sind, von allen Elektroauto-Fahrern genutzt werden und bezahlt werden können. Bisher trifft das auf Teslas Supercharger nur teilweise zu. Mit der Öffnung für alle hätte der Hersteller Zugriff auf einen Teil der Subventionen. Besonders interessant: Er müsste dafür nicht erst in die Errichtung neuer Ladesäulen investieren, hat also vergleichsweise geringe Kosten.

Deutschland unterstützt ebenfalls das Errichten von neuen Ladepunkten. 500 Millionen Euro stehen für den Zeitraum von Sommer 2021 bis Ende 2025 bereit. Davon sollen mindestens 20.000 Schnellladesäulen subventioniert werden. Das zuständige Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur (BMVI) bestätigt nach einer Anfrage von mobility.talk, dass Tesla bis zu 60 Prozent der Kosten für die Aufrüstung geltend machen kann, wenn der jeweilige Ladepunkt noch nicht gefördert wurde. Zudem wird Tesla bei der Errichtung neuer Supercharger unterstützt, wenn diese für alle Autos zugänglich sind.

Tesla verdient mit seiner neuen Strategie also auf zwei Arten Geld. Der Hersteller lässt sich die Freischaltung bzw. Errichtung bezuschussen und verkauft künftig mehr Strom an die Besitzer*innen von elektrischen Fahrzeugen. Ein weiterer Ausbau der Infrastruktur sollte Überlastungen abfangen. Zu Stoßzeiten könnte es trotzdem zu Wartezeiten kommen. In den Tesla-Foren kommt die Umstellung nicht besonders gut an.  Ähnlich unbeliebt war der Schritt, das Gratis-Laden für neue Tesla zu beenden. Geschadet hat es Tesla bisher nicht.

 

Tesla Supercharger (Ladesäulen)
Kein Dauerzustand: Langfristig werden Elektroautos aller Marken Teslas Supercharger nutzen können [Quelle: picture alliance / Bildagentur-online/Joko | Bildagentur-online/Joko]

So laden andere Autos künftig an Teslas Ladestationen

Läuft das Pilotprojekt in den Niederlanden gut, kann es schnell gehen. Viele Supercharger verfügen bereits über den CCS-Standard. In den USA nutzt Tesla einen eigenen Anschluss. Dort will der Hersteller künftig Adapter bereitstellen. Elon Musk deutet an, dass sich der Preis am Supercharger für andere Autos dynamisch an der Auslastung der Ladestation und an der akuten Ladegeschwindigkeit orientieren wird. So will er kurze Ladevorgänge fördern. Vermutlich kostet schnelles Laden bei niedrigem Akkustand also weniger als träger Stromfluss im letzten Drittel. Für Tesla-Fahrende soll sich nichts ändern. Dennoch stiegen nun die Preise von pauschal 40 Cent pro Kilowattstunde auf 45 Cent. Für Fremdkund*innen soll der Preis höher liegen. In jedem Fall laden Tesla-Modelle weiterhin unkomplizierter, denn bei Tesla sind die Kreditkarteninformationen mit dem Auto verknüpft. Der Umweg über eine App entfällt, Aktivierung und Abrechnung erfolgen automatisch.

Darum hat Tesla eigene Ladesäulen

Tesla hat früh verstanden, dass Elektromobilität nicht nur aus leisen Autos besteht. Eine neue Form der Mobilität benötigt die passende Infrastruktur. Mit der Einführung des ersten komplett selbst konstruierten Elektroautos im Jahr 2012 begann der Hersteller deshalb mit dem Aufbau seines eigenen Ladenetzes. Schnellladesäulen waren vorher noch nicht vorhanden, weil es keine passenden Autos für die Langstrecke gab. Ein Ladestecker-Standard für hohe Ladeleistungen war ebenfalls noch nicht etabliert – Tesla nutzte einen eigenen Stecker.

Frühe Tesla Supercharger luden zunächst mit einer Leistung von maximal 90 kW. Später stieg die Leistung dieser Ladesäulen auf zunächst 120, dann 138 kW. Dieser Typ Ladesäule ist in Europa kaum noch vorhanden. Supercharger der zweiten Generation (ab 2013) laden mit bis zu 150 kW. Die aktuelle dritte Generation (seit 2018) erreicht mit dickeren, wassergekühlten Kabeln bis zu 250 kW. Mit dem Marktstart des Model 3 (ebenfalls 2018) begann Tesla damit, ältere Supercharger mit einem CCS-Anschluss nachzurüsten. Das Mittelklassemodell nutzt als erster Tesla den Standardstecker. Erst seit diesem Zeitpunkt sind Supercharger physisch mit anderen Marken kompatibel.

Das haben sie bereits unter Beweis gestellt. Denn bei der Einführung der dritten Supercharger-Generation unterlief Tesla ein Fauxpas: Für einen kurzen Zeitraum konnten bereits Fremdfabrikate an den Ladesäulen laden. Die Authentifizierung erfolgt bei den Superchargern nicht in der Säule, sondern am Auto. Überall sonst ist es andersherum. Ein Fehler im Protokoll startete den Ladevorgang ohne Bestätigung des Fahrzeuges. Nach wenigen Tagen war das Problem behoben. Die kuriosen Bilder von Hyundai Kona, Renault Zoe und VW E-Golf an Tesla Superchargern von damals werden aber langfristig zur Realität werden.

Tesla Supercharger (Ladesäulen)
So voll wie auf diesem Bild ist es an Teslas Superchargern selten. Ladepunkte an Autobahnen sind unregelmäßig frequentiert und stehen oft leer. Für Tesla bedeutet das: Verlorenes Geld [Quelle: TeamOn]

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