So weit kommen Elektroautos im Winter

Endgegner Minusgrade: Der Winter geht bei Elektroautos auf die Reichweite. Wie viel im echten Leben übrig bleibt, haben norwegische Experten getestet.

Constantin Bergander
Constantin Bergander
Skoda Enyqa dynamisch
Der Skoda Enyaq schlägt sich im norwegischen Wintertest mit Allradantrieb gut, mit Heckantrieb patzt er [Bildquelle: Skoda]

Die meisten Elektroautos schaffen ihre angegebene Reichweite im Alltag. Das gilt allerdings nicht pauschal: Was in der Stadt oder im Umland bei warmen Temperaturen klappt, funktioniert nicht auf der Autobahn. Und schon gar nicht im Winter. Denn unterhalb von 10° Celsius Außentemperatur nimmt die Reichweite der meisten Stromer spürbar ab. Der Grund: Sie müssen ihren Akku und den Innenraum auf Wohlfühltemperatur heizen. Dafür verwenden sie Energie, die eigentlich fürs Vorankommen gedacht ist.

Wie viel Energie verloren geht, hat das norwegische Magazin Motor.no in Zusammenarbeit mit dem Autoclub NAF getestet. Für den Vergleich schufen die Experten möglichst ähnliche Bedingungen: Die Autos starteten mit vollen Akkus in einer beheizten Garage (Innentemperatur 10 bis 15° C) in Norwegens Hauptstadt Oslo. Von dort aus fuhren sie bei Temperaturen zwischen 0 und -10° C auf Landstraßen in Richtung Norden, um dort den Rondane Nasjionalpark zu umrunden. Bei leerem Akku kümmerte sich der Autoclub um den Rücktransport.

So weit fahren Elektroautos im Winter

Wie zu erwarten, weichen die Ergebnisse aller getesteten Fahrzeuge von den Norm-Reichweiten ab. Keines schafft seine angegebene Strecke. Der prozentuale Sieger heißt BYD Tang: Die rein elektrische Variante des chinesischen SUV büßt in der Kälte nur 11 Prozent ihrer Reichweite ein. Das genügt auf dem Papier für einen Vorsprung vor Teslas Model Y (11,05 Prozent Defizit). Die Tester merken aber an, dass im Falle des Tesla Topografie und Wetter das Ergebnis eventuell verzerren: Es hatte zum Ende der Fahrt mit Steigungen und besonders niedrigen Temperaturen zu kämpfen. Auf Platz drei landet der Porsche Taycan Cross Turismo mit einer Abweichung von 11,84 Prozent.

Die größte Abweichung zwischen Norm und Winter stellen die Norweger beim Skoda Enyaq iV80 fest. Das elektrische Kompakt-SUV verfehlt sein Ziel um 31,83 Prozent. Kurios: Die Allrad-Version Enyaq iV80X mit zwei Motoren wich nur um 15,51 Prozent ab. Einen Grund für das Ergebnis finden die Experten nicht. Ebenfalls weit neben der Norm fahren Peugeot e-2008 (Minus 28,75 Prozent) und Polestar 2 LR (Minus 28,57 Prozent).

Beim Thema Reichweite führt Teslas Model 3 das Feld an. Die Long-Range-Version schafft im Test immerhin 521 von 614 angegebenen Kilometern. Weiter fährt keiner der Kontrahenten, nicht einmal Mercedes‘ Elektro-Limousine EQS 580 4Matic. Sie rollt nach 513 Kilometern aus. Der drittplatzierte BMW iX XDrive50 schafft ebenfalls eine Distanz von mehr als 500 Kilometern bei Minusgraden: Sein Akku gibt nach 503 Kilometern auf.

Elektroauto-Reichweiten im Winter: Die Testergebnisse im Überblick

 

Modell

WLTP-Werte

Gemessene Reichweite

Abweichung

Tesla Model 3 LR

614 km / 14,7 kWh

521km

-15,15 %

Mercedes-Benz EQS 580 4matic

 645 km / 18,3 kWh

513km

-20,47 %

BMW iX xDrive50

591 km / 21,4 kWh

503km

-14,89 %

Tesla Model Y LR

 507 km / 16,9 kWh

451km

-11,05 %

Volkswagen ID.3 PRO S

539 km / 16,3 kWh

435km

-19,29 %

Kia EV6 2WD

528 km / 16,5 kWh

429km

-18,75 %

NIO ES8 LR 7-Sitzer

488 km / 21,5 kWh

425km

-12,91 %

Kia EV6 4WD

484 km / 18,0 kWh

423km

-12,60 %

Volkswagen ID.4 Pro

485 km / 18,4 kWh

414km

-14,64 %

Hyundai Ioniq 5 2WD

481 km / 16,8 kWh

408km

-15,18 %

BMW i4 M50

497 km / 19,0 kWh

406km

-18,31 %

Skoda Enyaq iV80X

477 km / 18,2 kWh

403km

-15,51 %

Porsche Taycan 4 Cross Turismo

456 km / 22,4 kWh

402km

-11,84 %

Polestar 2 LR

 517 km / 18,6 kWh

400km

-22,63 %

Audi e-tron GT

463 km / 21,1 kWh

392km

-15,33 %

XPeng P7

470 km / 19,4 kWh

383km

-18,51 %

Audi e-tron Q4 40

485 km / 18,6 kWh

380km

-21,65 %

Hyundai Ioniq 5 4WD

460 km / 17,7 kWh

369km

-19,78 %

BYD Tang

400 km / 21,6 kWh

356km

-11,00 %

Volkswagen ID.4 GTX

466 km / 18,6 kWh

353km

-24,20 %

Audi e-tron Q4 50 Quattro

459 km / 19,1 kWh

349km

-23,97 %

Skoda Enyaq iV80

509 km / 17,7 kWh

347km

-31,83 %

Tesla Model 3 SR

448 km / 14,0 kWh

346km

-22,87 %

Polestar 2 LR

476 km / 20,2 kWh

340km

-28,57 %

Cupra Born

395 km / 15,4 kWh

339km

-14,18 %

Volvo C40 Recharge

437 km / 21,1 kWh

333km

-23,80%

Mercedes-Benz EQA 250

401 km / 17,7 kWh

331km

-17,46 %

BMW iX xDrive40

402 km / 20,7 kWh

316km

-21,39 %

Mercedes-Benz EQB 350 4matic

407 km / 18,1 kWh

315km

-22,60 %

Opel Mokka-e

338 km / 16,2 kWh

263km

-22,19 %

Peugeot e-2008

320 km / 15,6 kWh

228km

-28,75 %

Quelle: motor.no

Anmerkung der Tester: Der Opel Mokka-e startete die Fahrt direkt nach dem Beenden des Ladevorganges. Das könnte ihm einen Vorteil gegenüber den Kontrahenten verschafft haben, weil sein Akku bereits temperiert war.

Das bedeuten die Testergebnisse für Deutschland

Die Ergebnisse des Tests vermitteln einen guten Eindruck, wie effizient die Hersteller ihre Fahrzeuge heizen und wie gut ihre Akkuzellen mit eisigen Temperaturen umgehen. Zudem zeigen sie, dass technisch ähnliche Modelle unterschiedlich weit fahren. Allerdings lassen sich die absoluten Zahlen nicht auf den deutschen Straßenverkehr übertragen. In Norwegen gilt auf Landstraßen ein Tempolimit von 80 km/h. Auf Autobahnen sind maximal 100 km/h erlaubt. Wer sich in Deutschland in den fließenden Verkehr einordnet, fährt in der Regel schneller. Das erhöht den Stromverbrauch und drückt die Reichweite.

Verbrenner machen ihre Sache übrigens nicht besser. Auch sie verbrauchen im Winter mehr Kraftstoff. Zum einen, weil sie in der längeren Warmlaufphase mehr davon einspritzen. Zum anderen, weil elektrische Verbraucher, zum Beispiel die Sitzheizung, ebenfalls den Verbrauch erhöhen.100 Wattstunden bedeuten ungefähr 0,1 Liter mehr Verbrauch pro 100 Kilometer. Bei einem älteren Auto entspricht das ungefähr einer Stunde Fahrt mit angeschalteten Nebelscheinwerfern. Oder zehn Minuten lang die Frontscheibenheizung aktivieren. All das summiert sich auf Werte, die erfahrungsgemäß denen von Elektroautos stark ähneln.

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