Diablines: Die Innenstadt-Busse von Aix

Das Zentrum der französischen Stadt Aix-en-Provence ist zu eng für Autos. Hier fahren nur elektrische Minibusse – ohne feste Haltestelle. Ein Modell für deutsche Städte?

Björn Tolksdorf
Björn Tolksdorf
Minibus Aix en Provence
Die elektronischen Sperren in der Altstadt von Aix-en-Provence öffnen sich sonst nur für Lieferwagen und Anwohner*innen

Andere Probleme, andere Lösungen: Die historischen Zentren der meisten deutschen Großstädte wurden im Krieg sowie im Zuge der Nachkriegs-Raumneuordnung massiv verändert, man könnte sagen: zerstört. In Frankreich ist das anders. Viele Metropolen weisen noch immer ihr historisches Stadtzentrum auf, das im Grundriss oft auf mittelalterlichen Altstädten basiert. Städte wie die historische Provence-Hauptstadt Aix-en-Provence mit rund 150.000 Einwohner*innen.

Stellt sich die Frage: Wie kann ein Mobilitätsangebot aussehen für die dichtbebautesten und ältesten Stadtbereiche? Sie sind ab einer gewissen Größe zu Fuß nur noch schwer in vertretbarer Zeit zu erlaufen. Private Autos dürfen im Zentrum von Aix nicht fahren, schließlich trägt die Autofreiheit historischer Altstädte stark dazu bei, sie zu einem attraktiven Lebensraum zu machen. Und: Die meisten Straßen wären schlicht zu eng, neben dem Lieferverkehr für die zahlreichen Geschäfte und Restaurants noch weitere Fahrzeuge aufzunehmen.  Daher fährt hier auch kein Bus oder Taxi. Dennoch bedarf es eines Verkehrsangebotes, um die Altstadt auch älteren oder mobilitätseingeschränkten Menschen zugänglich zu machen.

Innenstadt autofrei seit 2011

In der Altstadt von Aix-en-Provence operieren deshalb seit Juli 2003 elektrische Minibusse, die sogenannten „Diablines“. Wer als ausländischer Besuch anreist, staunt noch heute beim Anblick der skurrilen Gefährte mit rollstuhlgerechtem Einstieg, die bis zu sieben Personen aufnehmen können. Im Jahr 2003 müssen die Minibusse den „Aixois“ wie Raumschiffe vorgekommen sein. Seit 2011, als die Altstadt nach und nach großflächig für den Autoverkehr gesperrt wird, sind sie der zu dem Zeitpunkt schon etablierte Ersatz – der seitdem weitgehend ohne Stau die schmalen Gassen befährt.

Seit 2014 ist die Altstadt von Aix-en-Provence dauerhaft für den Autoverkehr abgeriegelt. Wer mit dem Auto die automatischen Poller an den Zufahrten passieren möchte, muss eine Lieferanten- oder Anwohnerplakette scannen. Das gewährt Lieferwagen vormittags Zufahrt. Wer in der Altstadt wohnt, darf ganztägig einfahren. Das Halten in den Fußgängerbereichen ist jedoch nur bis maximal 45 Minuten nach Einfahrt gestattet.  

So funktionieren die Diablines

Einfacher geht es mit den Minibussen. Das Prinzip: Die Diablines operieren mit fester Linienführung. Die Linien beginnen und enden an zentralen Plätzen rund um die Altstadt, wo Anschluss an reguläre Buslinien, Fernbusse und Parkhäuser besteht. In der Altstadt selbst bedienen die Diablines keine festen Haltestellen. Wer zu- oder aussteigen will, winkt sie einfach heran oder sagt Bescheid. Irgendwo auf der Route. 

Die Busse operieren an jedem Werktag von 8:30 Uhr bis 19:30 Uhr. Es gibt drei Linien, die Taktung beträgt 10 Minuten. Wie aber findet man die Busse, ohne Haltestellen? Linienpläne hängen in der Stadt aus, zudem lässt sich der nächste Bus jederzeit per Smartphone orten.

Ein Vorbild für deutsche Städte? Im Jahr 2019 transportierten die Diablines nach eigenen Angaben gut 305.000 Passagiere. Der Nahverkehrsträger von Aix, Keolis, sieht das Konzept vor allem als Ergänzung zu seinen regulären Buslinien: „Für Ihre Ausflüge ins Stadtzentrum warten diese kleinen elektrischen Busse an Umsteigepunkten zu den übrigen Linien. Sie bringen Sie in den schmalen Fußgängerstraßen im Herzen von Aix möglichst nah an Ihr Ziel“. Das Angebot erlaube es beim Shopping, schwere Einkäufe von einem kleinen Laden zum nächsten mitzunehmen. Zudem ergänze es das Angebot an Parkhäusern rund um die Altstadt, für Angestellte, Gewerbetreibende und Besuchende. Und: Wer touristisch nach Aix reist, finde eine originelle und günstige Möglichkeit, das historische Zentrum zu erkunden.

Minibus Aix en Provence
In den engen Altstadtstraßen fahren nur ausnahmsweise Lieferwagen und Anwohner*innen. Dann kommt es auch mal zu Stau

Das kosten die Diablines

Auch, wenn das gut zum freundlichen Wesen der drolligen Busse passen würde: Gratis ist die Mitfahrt nicht. Eine einfache Fahrt kostet 1,30 Euro. Das Ticket wird im Bus erworben und bei Ausstieg entwertet. Alternativ bietet der Betreiber eine 10er-Karte für 9,10 Euro an.

Allerdings: Wer zuvor schon ein Ticket für eine reguläre Buslinie oder bestimmte Fernbuslinien gekauft hat, darf die Diablines eine Stunde lang gratis nutzen. Die Parkgebühren bestimmter Parkhäuser beinhalten ebenfalls die Nutzung der Innenstadtbusse.

Ein Modell für Deutschland?

Viele deutsche Großstädte verfügen heute nicht mehr über große, zusammenhängende Altstädte. In Köln, München, Hamburg oder Berlin existieren breite Straßen, darauf fahren Busse und Trams. Oft existiert auch ein U-Bahnnetz. Wo all dies vorhanden ist, können Minibusse dennoch helfen, für Kraftfahrzeuge gesperrte Teilbereiche auch für mobilitätseingeschränkte Personengruppen zugänglich zu machen. Die typische Fußgängerzone gibt es schließlich in fast jeder Stadt.

Wo es nicht vorhanden ist, können Minibusse eine sinnvolle Ergänzung des Nahverkehrs darstellen. Vielleicht läge ihr größter Nutzen aber darin, in suburbanen Räumen die Anbindung an U- und S-Bahnhöfe sicherzustellen. Hier bestehen in den meisten deutschen Städten noch große Defizite. Die vor allem die Menschen spüren, die nicht in der Lage sind, mal eben 10 Minuten Fußweg zurückzulegen.

Zu sehen ist Björn Tolksdorf

Fazit:

An den Minibussen von Aix gefällt mir vor allem der inklusive Gedanke: Sie funktionieren sowohl als Attraktion für Besucher*innen als auch als echte Mobilitätslösung für die Bevölkerung. Vor allem für den Teil, der sich schwertut, eine große Altstadt zu erlaufen. So hilft diese Mobilität, Altstädte für Wohnen und Gewerbe attraktiv zu halten. Denn auch in Frankreich lockt vor der Stadt der bequeme Supermarkt mit großem Parkplatz.

Björn | @MobilityTalk

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