E-Auto Sounds: So klingt die Straße der Zukunft

Wenn nur noch E-Autos auf unseren Straßen fahren, ändert sich die Geräuschkulisse im Straßenverkehr grundlegend. Wie sich das anhören könnte, erfährst du hier.

Dennis Merla
Dennis Merla
Der Außengeräuschprüfstand im Mercedes-Benz Technologie Center (MTC) in Sindelfingen: Der futuristisch wirkende Raum ist mit schallabsorbierendem Material ausgekleidet. Hier wird mit speziellen Mikrofonen für jedes Elektromodell ein individuell abgestimmter E-Sound entwickelt. Bis das Ergebnis perfekt ist, wird immer wieder simuliert, gemessen, bewertet und bis ins Detail optimiert.
Wie hört sich der Straßenverkehr an, wenn nur noch Elektroautos fahren? Das haben wir in einem Experiment ausprobiert [Bildquelle: Mercedes]

Die Wende zum Elektroauto bringt eine Akustik-Wende mit sich. Seit Sommer 2021 müssen neu zugelassene Elektro-, Hybrid- und Brennstoffzellenautos über ein „Acoustic Vehicle Alerting System“, kurz AVAS, verfügen. Das akustische Fahrzeug-Warnsystem sorgt dafür, dass Elektroautos bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h und beim Rückwärtsfahren einen Warnton von sich geben. Es wird die Klangwelt im Straßenverkehr grundlegend verändern.

Den Ton gibt ein im Fahrzeug installierter Lautsprecher aus. In der Regel montieren die Hersteller die AVAS-Lautsprecher in den Frontschürzen der Fahrzeuge. Bei der Studie Mercedes EQC 4×4² fanden die Ingenieure ausreichend Bauraum in den Frontscheinwerfern. Sie nennen ihr System deshalb scherzhaft „Lautwerfer“.

Das lautlose Fahren mit dem E-Auto gibt es damit nicht mehr, im Dienste der Verkehrssicherheit. Viele Menschen orientieren sich im Straßenverkehr anhand von Geräuschen. Sie brauchen die akustische Kulisse der Fahrzeuge, um sich sicher zu bewegen. Dazu gehören vor allem Fußgänger*innen, Radfahrende. Blinde Menschen und solche mit Sehbehinderung sind im Alltag ganz besonders auf Geräuschkulissen und damit auf den Warnton des AVAS-Systems im Elektroauto angewiesen.

AVAS: Was schreibt die Gesetzgebung vor?

Die Regeln zum Einsatz des Acoustic Vehicle Alert System unterscheiden sich je nach Kontinent. In Europa muss der Ton zwischen 56 und 75 Dezibel laut sein. Das ist in etwa die Lautstärke des Straßenverkehrs mit Verbrenner-Fahrzeugen. Rein messtechnisch leiser auf den Straßen wird es demnach mit Elektroautos nicht. Zumindest nicht beim Anfahren: Der Warnton ist bis 20 km/h aktiv. Darüber wäre das Abrollgeräusch der Reifen ohnehin lauter. 

Bei älteren Elektroautos lässt sich das AVAS in der Regel abschalten. Das ist bei neu zugelassenen Fahrzeugen nicht mehr erlaubt. Wurde das E-Auto vor 2019 gebaut und besitzt ab Werk kein AVAS, sind die Halter*innen nicht verpflichtet, es nachzurüsten. Für das Sounddesign gibt eine EU-Verordnung den Rahmen vor. So muss der vom Fahrzeug ausgegebene Ton in einem betimmten Frequenzbereich und unterhalb von 1.600 Hertz liegen. Der Grund ist, dass Menschen mit verminderter Hörfähigkeit Töne in diesem Frequenzbereich noch am besten wahrnehmen können.

Internetforen witzeln bereits über AVAS-Sounds im „Jamba-Abo“. Doch dem Lieblingslied oder dem Sound eines startenden Düsenjets schiebt die Gesetzgebung einen Riegel vor. Das Geräusch eines Elektroautos muss dem eines Verbrenners gleicher Bauart ähneln. Heißt: Ein VW ID.3 darf nicht klingen wie ein 40-Tonner. Und auch nicht, als säße ein V8-Motor unter der Haube. Das könnte Verkehrsteilnehmende verwirren.

Wie klingt die Straße der Zukunft?

Der Diesel „nagelt“, der Benziner brummt. Und Elektroautos? Das Acoustic Vehicle Alert System im E-Auto produziert ein vorprogrammiertes Geräusch. Hier werden die Hersteller kreativ, einige holen sich namenhafte Unterstützung aus der Musik-Branche. Die jeweiligen E-Auto-Sounds entwickeln sich so zum Teil des Markenauftritts der Hersteller. Der Sound der Fahrzeuge spielt auch psychologisch eine Rolle: „Egal ob bei einem Verbrenner oder Elektrowagen – wenn ein vernünftiger Sound produziert wird, empfinden die Fahrer subjektiv bis zu zehn Prozent mehr Leistung“, erklärt Ralf Kunkel, Chef-Akustiker bei Audi.

Volkswagen holte sich für den Sound des E-Golf-Nachfolgers ID.3 Unterstützung bei Leslie Mandoki, bekannt als Teil der Band Dschingis Khan. BMW sicherte sich bei Filmkomponist Hans Zimmer und Sound-Designer Renzo Vitale Unterstützung beim Klang des BMW i4. Mercedes‘ Power-Marke AMG arbeitete mit der Band Linkin Park an einem eigenen Soundkonzept.

Wir haben es ausprobiert

Wie die Kreuzung der Zukunft klingt, weiß heute noch niemand. Derzeit stehen den etwa 1,2 Millionen Elektroautos und Plug-in-Hybriden in Deutschland rund 46 Millionen Verbrenner-Fahrzeuge gegenüber. Es dürfte noch einige Jahre dauern, bis an unseren Kreuzungen ausschließlich E-Autos anfahren. So lange wollen wir bei mobility.talk nicht warten und haben uns mit Alexander Urgien, Sound-Designer bei der Audio-Produktionsfirma Audiolarks, an ein Experiment gewagt. Dafür haben wir die AVAS-Sounds von 12 verschiedenen Elektrofahrzeugen gesammelt und lassen virtuelle Fahrzeuge mit ihren echten Sounds auf eine Kreuzung los. Und so hört sich das an:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Was ist in der Aufnahme zu hören?

Unser Experiment besteht im Wesentlichen aus drei Audio-Einheiten: Die Atmosphäre, auch „Atmo“ genannt, Reifengeräusche und die Sounds der Elektroautos. Die Atmo besteht aus kaum wahrnehmbaren Windgeräuschen. Trotzdem ist sie wichtig, denn sie haucht der Szene mehr „Leben“ ein. Die zu hörenden Reifengeräusche wurden synthetisch im Computer erzeugt. Nach der Positionierung der Fahrzeuge und der Entscheidung über ihre Fahrwege passte Urgien die Sounds an die Kameraführung an.

Wer genau hinhört bemerkt, dass der elektrische Fiat 500 den Titelsong der italienischen Filmkomödie Amarcord ausspielt. Weil im regulären Fahrbetrieb keine Musikstücke erlaubt sind, spielt der elektrische Italiener das Lied nach jedem Start beim Überschreiten der 20 km/h nur einmalig ab. Zum Erfüllen der EU-Regularien gibt das Auto danach ein nicht-musikalisches Geräusch aus.

Welche Fahrzeuge sind zu hören?

In der Aufnahme sind die Sounds folgender E-Autos zu hören:

  • Volkswagen ID.3
  • Fiat 500e La Prima
  • Zweimal Audi E-Tron GT
  • Nissan Leaf MY 2021
  • Hyundai Ioniq 5
  • BMW Concept i4
  • Opel Corsa-e
  • Renault Zoe
  • Renault Twingo Z.E.
  • Renault Kangoo Z.E.
  • Kia EV6

Weiterführende Artikel

Podcast mit Mandy Harmann: Blind und trotzdem mobil

Mandy ist seit ihrer Jugend blind. Im Podcast spricht sie über ihren Kampf mit wandernden Baustellen und was es mit ihrem „Sehenden-Schreck“ auf sich

BMW i3: Der Elektro-Oldie im Test

Der i3 war Pionier, Vorbild und Technologieträger: Das erste Großserien-Elektroauto von BMW wirkt nach neun Jahren noch modern. Ein letzter Test im i3.

Mit dem EQS überholt Mercedes Tesla

Mit dem Mercedes EQS gibt es endlich ein Elektroauto, das dem Tesla Model S in fast allen Belangen überlegen ist. Erste Fahrt in der

So fährt der Audi Q4 E-Tron (2021)

Kurze Nase, großer Körper und ein Pfeil, der auf der Straße tanzt: Der Audi Q4 E-Tron startet mit viel Platz und innovativer Navigation.

Immer informiert sein?

Abonniere unseren Newsletter!