In Frankreich streiken jetzt die Fahrgäste

Streikendes Bahnpersonal kennt jeder. Streikende Fahrgäste sind neu. Ein Fahrgastverband aus der Normandie ruft nun Pendelnde zum Streik auf.

Björn Tolksdorf
Björn Tolksdorf
Train SNCF TER
Die französische Eisenbahngesellschaft SNCF sieht sich in der Normandie mit einem Verband konfrontiert, in dem streikwillige Pendelnde organisiert sind [Bildquelle: picture alliance / Gilles Targat/Photo12]

Kann man sich nicht ausdenken: Aus Protest gegen die Fehlerquote der staatlichen französischen Bahngesellschaft SNCF streiken in der Normandie jetzt die Fahrgäste. Eine Frage der Kultur: In Frankreich genießt ein lautstarker, alles lahmlegender Streik ungefähr den Stellenwert, den bei uns der gute, alte Leserbrief hat. Quasi eine niedrigschwellige Form der Missfallensbekundung. Und dem „Verband zur Verteidigung der Nutzer von Bahnen in der Normandie“ UDUPC bereitet derzeit einiges Missfallen. Nicht etwa ein Streik der Eisenbahner, nein. Sondern, dass ständig irgendetwas nicht funktioniert:

  • Zugausfall
  • Wiederholte Verspätungen
  • Nicht zulässige Zugzusammenstellungen
  • Kaputte Technik
  • Schlechtes Wetter
  • Tiere auf den Gleisen
  • Zusätzliche Stopps
  • Überfüllte Züge
  • Unakzeptable Reisebedingungen

Dabei macht der Fahrgastverband die SNCF nicht für schlechtes Wetter oder Tiere an der Strecke verantwortlich, wohl aber für die ungenügende Reaktion darauf. Das Versprechen, auf solche Vorkommnisse wie auch auf Probleme bei der Zuglogistik eine Antwort zu haben, habe die Bahngesellschaft nicht gehalten. „Es gibt Versprechungen, aber der Service wird nicht geliefert“, findet der Verband. Den Pendler*innen müsse das Geld für die Monatskarte im Dezember erstattet werden. Viele Fahrgäste nutzen die schnellen Zugverbindungen, um etwa aus Richtung Caen oder Le Havre zum Arbeiten nach Paris zu gelangen.

Aufruf: Fahrschein nicht zeigen

Nun will der Verband den Druck auf die SNCF erhöhen und ruft die Pendelnden zum Streik auf: Sie sollen ihre Tickets bei der Kontrolle nicht mehr vorzeigen, sondern dem Bahnpersonal ein vom Verband entworfenes Streikticket vorweisen. „Setzt euch möglichst zusammen in einen Waggon und tragt einen Aufkleber „Bahnkunden der Normandie in Wut“, so der Verband in seinem Aufruf. „Seid nicht aggressiv, bleibt ruhig und zeigt dem Schaffner gemeinsam euer Streikticket, damit er weiß, dass ihr mehrere seid.“ Wenn die Lage eskaliere und die Polizei gerufen werde, müsse ein Maximum an Mitreisenden mobilisiert werden. Notfalls könne der Polizei das gültige Ticket gezeigt, um Strafen kümmere sich der Verband. Wenn die SNCF sich an seine gegebenen Versprechen halte, werde man die Maßnahme beenden. Man werde auch gern mit der Bahngesellschaft zusammenarbeiten.

Im Oktober und im November gab es auf den betroffenen Verbindungen besonders viele Probleme, wie die Zeitung „Le Parisieen“ berichtet. Verschollene Pakete, Sturm „Aurora“, technische Pannen, Zugausfälle. Ungefähr jeder 10. Zug sei von Störungen betroffen gewesen.

Fahrgaststreiks in Deutschland?

In Deutschland ist der Streik offenbar keine echte Option für genervte Fahrgäste. Jedenfalls führt die Suche nach „Fahrgaststreik“ zwar zu einigen zornigen Kommentaren in Internetforen. Tenor: „Man müsste …“, „man sollte …“. Deutlich mehr Treffer findet die Suchmaschine zu den Fahrgastrechten im Fall eines Streiks des Bahnpersonals. Mit anderen Worten: Eine Streikkultur der Bahnkund*innen existiert in Deutschland nicht einmal im Ansatz. Anders als in Frankreich. Dort versteht man eben etwas vom Streiken.

(mit Material von dpa)

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