Indiegogo: Wo kann man hier ein E-Bike bestellen?

Per Crowdfunding bieten Start-ups viele innovative und erstaunlich günstige E-Bikes an. Das verlockt – ist aber nicht risikofrei. Ein ausführlicher Disclaimer.

Björn Tolksdorf
Björn Tolksdorf
Das Urtopia E-Bike wirbt mit innovativen Features wie Sprachsteuerung und Totwinkel-Warner. Und erhielt in Medien prominentes Echo [Bildquelle: Urtopia]

Ein extravagantes E-Bike mit innovativer Technik und auffälligem Design zu einem Bruchteil des Ladenpreises vergleichbarer Modelle? Klingt spannend. Viele Start-ups versuchen, dies über Crowdfunding-Kampagnen wahr werden zu lassen. Sie entwickeln ein Fahrrad in ausgefallenem Design und mit interessanten Features und starten eine Kampagne auf Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo.

Zu den heißesten Angeboten bei Indiegogo gehört aktuell das Urtopia E-Bike. Karbonrahmen, Fingerabdruck-Sensor, ein Radar-Totwinkelwarner und eine Sprachsteuerung gehören zu den Features.

Pro

Vorteile von Crowdfunding-Bikes
  • Innovative Features
  • Mutiges Design
  • Hohe Preisnachlässe
  • Modelle, die nicht jeder fährt
  • Starthilfe für junge Unternehmen

Kontra

Nachteile von Crowdfunding-Bikes
  • Keine Geld-Zurück-Garantie
  • Oft kein Ansprechpartner vor Ort
  • Eigenschaften können abweichen
  • Ausfallrisiko nicht abgedeckt

Das Rad wiegt 13 Kilo und schafft eine elektrische Reichweite von 50 bis 100 Kilometer. Over-the-Air-Updates halten die Software in Zukunft aktuell. Auf Indiegogo war das Rad zunächst im Dezember 2021 für unter 2.000 Euro im Angebot, aktuell bietet Urtopia es dort für 2.699 Euro (EU-Version) an. Später soll das Fahrrad im Handel rund 4.000 Euro kosten.

Beim Marketing macht Urtopia ebenfalls keine halben Sachen: Prototypen gingen an professionelle Fahrrad-YouTuber, Sportler treten als Testimonials auf. Zudem gehen Prototypen auf Werbetour durch deutsche und US-amerikanische Fahrradläden, Fotomaterial und Videoclips zeigen höchsten professionellen Standard. All dies überzeugte viele Medien, über das Rad zu berichten, darunter in Deutschland E-Fahrer, Welt Online oder NTV. Es überzeugte auch mehr als 1.300 sogenannte „Backer“, insgesamt mehr als drei Millionen Euro in der Indiegogo-Kampagne auszugeben.

Professionelle Foto- und Videoproduktion: Beim Marketing macht Urtopia keine halben Sachen [Bildquelle: Urtopia]

Allerdings: Eine Crowdfunding-Beteiligung ist kein Kaufvertrag, eine Produktbeschreibung in diesem Kontext mehr eine Absichtserklärung als eine Auflistung von zugesicherten Eigenschaften. Bei einer Crowdfunding-Kampagne treten Kund*innen als Investor*innen auf. Sie stellen dem Unternehmen also Kapital zur Verfügung, mit dem dieses das Produkt entwickelt, produziert und ausliefert.

Indiegogo rät zur Recherche

Das kann eine Win-Win-Situation sein, muss es aber nicht. Im schlimmsten Fall ist das Geld weg, ohne dass ein Rad kommt. Im zweitschlimmsten Fall hat das Fahrrad Mängel, weniger Funktionen oder andere Eigenschaften als angekündigt – wiegt zum Beispiel deutlich mehr. Um das klarzustellen: Nichts davon unterstellt dieser Beitrag dem genannten Unternehmen und Produkt. Urtopia verspricht beispielsweise eine Liefergarantie und stellt Fotos des Produktionsprozesses zur Verfügung. Aber: Das Risiko, wenn am Ende etwas nicht stimmt, tragen bei diesem Geschäft die Kund*innen, nicht der Hersteller. Dafür erhalten sie im Gegenzug einen kräftigen Rabatt auf das jeweilige Produkt.

Wichtig zu wissen ist auch: Die Plattformen treten nur als Vermittler auf. Vertragspartner ist das Unternehmen, das die Kampagne durchführt. Indiegogo verspricht auf seiner Website: „Wir nehmen unsere Kampagnenbesitzer in die Verantwortung, wir verifizieren ihre Identität und prüfen, ob sie regelmäßig mit ihren ‚Backer*innen kommunizieren. Indiegogo toleriert keinen Missbrauch seines Systems.“ Die Plattform empfiehlt Investor*innen jedoch, gründlich zu recherchieren, den Anbietern Fragen zu stellen und bei Zweifeln Indiegogo ins Boot zu holen. Und stellt klar: „Indiegogo garantiert nicht, dass die offerierten Angebote produziert oder geliefert werden.“

Ein anderes Indiegogo-Angebot: Das Reevo E-Bike kommt aus den USA und ohne Speichen daher. Preis: 2.800 Euro [Bildquelle: Reevo]

Vor diesem Hintergrund sollten Medien, die über Crowdfunding-Bikes berichten, die Vorläufigkeit manches Angebotes stärker betonen und vor allem den Unterschied zwischen Bestellung und Investition verdeutlichen. „Glaubt man (…) den Features, wird das Urtopia ein Über-E-Bike!“, schreibt etwa E-Fahrer – und lässt zwar durchscheinen, die Angaben des Anbieters nicht verifizieren zu können. Schreibt aber auch: „Hierbei können Sie (…) ein Rad ordern“.

Elbike: Wenn alles schiefgeht

Selbst ein Fahrrad-Test durch ein renommiertes Medium gibt jedoch im schlimmsten Fall keine Garantie. So testet Computer-Bild im Jahr 2018 das „Elbike“. Die Redaktion bemerkt zwar einige Konstruktionsmängel, glaubt dem Anbieter jedoch, dass er diese noch beseitigt. Räder gab es für die beteiligten „Backer“ jedoch nicht. Offenbar war der Anbieter Urbike in Geldnot geraten und verkaufte die bereits produzierten Räder lieber zum vollen Preis in Fahrradgeschäften, als sie an die Crowdfunding-Teilnehmer*innen auszuliefern. Diese bekommen in Klagen vor Gericht zwar Recht, wie „ebike-news.de“ berichtet. Allerdings meldet das Unternehmen daraufhin Insolvenz an. Die URL der Firma Urbike wird in der Folge offenbar verkauft, dort finden sich heute Suchmaschinentexte. Die Kampagne samt der wütenden Kommentare ist noch aufrufbar.

Crowdfunding: Chancen und Risiken

So steht unter dem Strich eine Chance mit Risiken: Die Chance auf ein gutes Rad zum tollen Preis, und die Chance darauf, einem aufstrebenden Unternehmen mit der nötigen finanziellen Rückendeckung zum Durchbruch verholfen zu haben. Denn aller Schwarzmalerei zum Trotz: Crowdfunding ist ein etablierter Finanzierungsweg für Projekte, vom gedruckten Katalog einer Independent-Künstlerin über eine Schallplattenproduktion der Einstürzenden Neubauten, soziale Projekte und Technik-Zubehör bis hin zum Automobilbau.

Es muss nur jede*r wissen, dass eine finanzielle Beteiligung anderen Regularien unterliegt als eine Bestellung im Online-Shop – und dass wie am Aktienmarkt im schlimmsten Fall ein Totalverlust möglich ist. Wünschenswert wäre, dass Medien bei der Berichterstattung über Indiegogo- und Kickstarter-Bikes diesen Unterschied zum Kauf eines Fahrrads im Einzelhandel verdeutlichen. Das Rad lässt sich eben nicht bei Indiegogo „bestellen“ – sondern wirbt dort um Risikokapital.

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