IPCC: Was der Verkehr zum Klima beitragen kann

Wer das Klima retten will, muss schnell und wirksam CO2 reduzieren, sagt das IPCC. Was kann das Verkehrswesen dabei leisten und wie groß ist sein Beitrag?

Björn Tolksdorf
Björn Tolksdorf
Stau in Beijing, China: Während die CO2-Emissionen aus dem Verkehr in Europa stagnieren, sind sie in Asien stark gestiegen, so das IPCC [Bildquelle: picture alliance / Costfoto]

Krieg und Corona ändern nichts daran: Will die Menschheit die Klimakrise noch abfedern, muss sie schnell wirksame Schritten zur CO2-Reduktion einleiten. Die Trendwende müsse in den nächsten zwei, vielleicht drei Jahren gelingen, und zwar global und wirklich, nicht nur auf dem Papier und in der Zukunft wie bisher. Dann sei das Zwei-Grad-Ziel noch erreichbar. Vielleicht sogar das 1,5-Grad-Ziel, das sich die Staatengemeinschaft 2015 in Paris gesetzt hatte.

Auf diese einfache Formel lässt sich der 6. Bericht des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC) bringen. Das IPCC ist eine Organisation der Vereinten Nationen und bemüht sich um die wissenschaftliche Begleitung im Kampf gegen den Klimawandel. Den Bericht auf eine kurze Meldung zu reduzieren ist im Grunde sinnlos, der wissenschaftliche Fachbericht umfasst mehr als 3.000 Seiten. Das Thema ist eben komplex. Es gibt nicht die eine Lösung und nicht die eine Problemstellung bei der wirksamen Reduktion des Ausstoßes von Klimagasen.

Das IPCC identifiziert jedoch die größten Hebel: Ausbau der Wind- und Solarenergie, Bindung von Kohlenstoffen in der Landwirtschaft, Erhalt natürlicher Landschaften und Wälder, Wiederherstellung von Ökosystemen und Wäldern, nachhaltige Forstwirtschaft und die Umstellung industrieller Produktion auf nachhaltige Energieträger. Weiter, mit kleinerer Bedeutung: nachhaltige Ernährung, Bessere Energieeffizienz im Bau, weniger Emissionen von fluorierten Gasen.

Im Verkehr ist wenig zu holen – aber es spart Geld

Das Verkehrswesen zählt nach Ansicht des IPCC also nicht zu den ganz großen Hebeln. Jede Maßnahme hier, sei es die Antriebswende, die Verkehrswende im Frachtverkehr oder der Umstieg auf Fahrrad, Bus und Bahn, hätte geringere Auswirkungen auf die Gesamtemissionen als die zuvor genannten Themenfelder, insbesondere Energie und Landwirtschaft. Allerdings: Maßnahmen im Verkehrssektor bewertet das IPCC als viel leichter durchführbar. Die dabei anfallenden Kosten wären für die Gesellschaft leichter zu tragen, da sie nicht erheblich über denen aktueller Verkehrssysteme liegen. Das IPCC verspricht sogar: Ein klimafreundliches Verkehrswesen könnte netto sogar Ressourcen sparen. Und damit dabei helfen, den teuren und für die Versorgung der Menscheit riskanten Klimaschutz etwa in der Energiewirtschaft oder der Landwirtschaft und Ernährung zu finanzieren.
Zu sehen ist ein Bus, der mit Wasserstoff fährt
Während Klimaschutz anderswo Geld kostet, rechnet er sich im Verkehr, sagt das IPCC [Bildquelle: GP Joule]

Zu den Maßnahmen, die nach Ansicht des IPCC relativ schnell und wirtschaftlich effizient umsetzbar wären, zählen:

  • Mehr Effizienz und Elektrifizierung leichter Nutzfahrzeuge
  • Wechsel auf öffentliche Verkehrsmittel
  • Wechsel auf Fahrräder und E-Bikes
  • Effizienterer Schwerlastverkehr
  • Elektrifizierung schwerer Nutzfahrzeuge
  • Mehr Effizienz bei Luft- und Schiffahrt
  • Nutzung von Biokraftstoffen

Corona zeigt: Eingriffe können wirken

Insgesamt rechnen die Forschenden dem Transportsektor 23 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen zu. 70 Prozent der weltweiten Emissionen aus dem Verkehr entfallen auf den Straßenverkehr. Je 1 Prozent, 11 und 12 Prozent rechnet das IPCC Schienenverkehr, Schifffahrt und Luftverkehr zu. Vor allem im Schiffsverkehr und in der Luftfahrt stiegen die Emissionen an, so das IPCC – vor allem in wirtschaftlich aufstrebenden Regionen. Dies erklärt, wieso die Forschenden einen großen Schwerpunkt auf den Wirtschaftsverkehr legen, während in Europa und Nordamerika eher der Pkw-Verkehr im Fokus steht.

Die Forschenden halten fest: In entwickelten Gesellschaften gehe es tatsächlich um Verhaltensänderung, neben der Umstellung auf Elektromobilität auf der Straße sowie auf Wasserstoff und Biokraftstoffe in Luft- und Schifffahrt. Die Covid-19-Pandemie habe gezeigt, dass staatliche Regulierung Verhaltensänderungen herbeiführen und den Energiebedarf des Verkehrs senken könne. Vor allem Städte könnten den Energiebedarf ihres Verkehrswesens um ein Viertel senken, indem sie ihre Infrastruktur weniger autozentriert aufstellen. Sharing-Konzepte dagegen sieht das IPCC nicht als wichtigen Klimabeitrag: Hier seien positive und negative Effekte gegeneinander abzuwägen.

Anders sieht es bei Elektrofahrzeugen aus: Hier rechnet das IPCC mit einem positiven Einfluss, wenn die Fahrzeuge mit nachhaltigem Strom geladen werden. Um das Potenzial der Technik voll auszuschöpfen, seien weitere Fortschritte beim ökologischen Fußabdruck der Batterieproduktion nötig, ebenso große Investitionen in die Infrastruktur. Dann jedoch habe die Technologie die Chance, schnell die verkehrsbedingten Treibhausgasemissionen spürbar zu verringern. Schneller als im Güterverkehr, und auch schneller als im Luft- und Schiffsverkehr.

Fahrender Zug
Der Bahnverkehr trägt nur minimal zum Treibhausgas-Ausstoß des Verkehrs bei: Weltweit sind es rund ein Prozent [Bildquelle: Patrick Pleul/Picture-Alliance]

Entwickelte Länder müssen Verhalten ändern

Die Notwendigkeit, Verhalten zu ändern und den Technologiewechsel zu beschleunigen, sieht das IPCC als groß an. Zwar stagniert der Energiebedarf des Verkehrs in Europa oder Nordamerika. Global jedoch rechnet das IPCC mit einer Steigerung der CO2-Emisssionen aus dem Verkehr zwischen 16 und 50 Prozent bis zum Jahr 2050. Der Bedarf nach dem Transport von Gütern und Personen werde vor allem in Afrika und Asien stark steigen, und zwar über alle Verkehrsmittel hinweg.

Das IPCC kalkuliert, dass zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels bis 2050 eine Reduktion der CO2-Emissisonen des Verkehrs um 59 Prozent nötig wird. Dabei handelt es sich um den Mittelwert verschiedener Szenarien – es können auch 68 Prozent werden. Und stellt fest: Da der globale Transportbedarf weltweit wächst, geht es nicht ohne klimaneutrale Kraftstoffe, neue Technologien – und wo möglich einen Wechsel der Infrastrukturen hin zu mehr Effizienz. Der Vorteil vieler Entwicklungsländer: Sie können ihre Verkehrsinfrastruktur und ihre Energieerzeugung direkt auf erneuerbare Energien hin planen und bauen.

Der globale Blick

Unter dem Strich: Zwar liegen die großen Brocken bei der Klimapolitik nicht im Verkehrssektor. Aber weltweit sind die Treibhausgas-Emissionen im Verkehr seit 1990 gestiegen statt zu sinken. In Europa wenig, in Nordamerika deutlicher. Am stärksten in China, dennoch verursacht die westliche Welt nach wie vor die meisten Emissionen. Stagnierende Emissionen im entwickelten Westen, steigende Emissionen in Wachstumsregionen – das ist der worst case, den der Verkehr für das Klima bereithält. Die Maßnahmen, dem entgegenzuwirken, müssen sich den Weltregionen und ihren Herausforderungen aber anpassen. Wie gesagt: Es gibt nicht die eine Lösung und nicht die eine Problemstellung.

 

Hier geht es direkt zum 6. IPCC-Bericht 2022

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