AMG One: Der schnellste AMG ist ein Hybrid

Formel-1-Technik mit fünf Motoren und 1.063 PS: Der AMG One ist nur eine Straßenzulassung vom Rennsport entfernt – und trotzdem langsamer als geplant.
Constantin Bergander
Constantin Bergander
Mercedes-AMG One
Drei Jahre verspätet, nicht ganz so flink wie angekündigt, aber dennoch eines der schnellsten Autos der Welt: Der Mercedes-AMG One ist ein Formel-1-Auto mit zwei Sitzplätzen und Straßenzulassung [Bildquelle: Mercedes-AMG]

Mit spannender Arbeit rast die Zeit. Und Mercedes‘ Haustuner AMG hat ein besonders spannendes Projekt auf dem Schreibtisch: Die Ingenieur*Innen aus Affalterbach entwickeln ein Hypercar. Dabei geht es um so etwas wie ein Pkw gewordenes Formel-1-Auto. AMG kündigte das Projekt One erstmals im Jahr 2017 an – und versprach die Serienversion zunächst für 2019. Dann rast die Zeit wohl etwas zu sehr. Jetzt, mit drei Jahren Verspätung, ist er endlich da: Der schnellste AMG geht in Serie.

Die Eckdaten des AMG One klingen so, als hätte sich ein Achtjähriger einen Supertrumpf fürs Autoquartett ausgedacht. Fünf Motoren leisten 1.063 PS und zerren den 1,26 Meter flachen Sportwagen in sieben Sekunden auf Tempo 200. Die Mechanik stammt zum großen Teil aus der Formel 1. Spitze? 352 km/h – abgeregelt! Und weil nur Benzin verbrennen etwas für das Jahr 2010 ist, handelt es sich um einen Plug-in-Hybriden.

AMG setzt auf Formel-1-Technik

Damit wird der AMG One wohl nie lokal emissionsfrei in irgendein Büro pendeln. Obwohl er es könnte: In Deutschland beträgt der durchschnittliche Arbeitsweg 17 Kilometer. Mit 18,1 Kilometern elektrischer Reichweite würde er diesen Weg also schaffen. Für sich beeindruckt der Wert nicht, jeder Plug-in-Passat fährt weiter. Die Zahl dient eher der Vollständigkeit. Denn der Strom soll nicht Strecke machen, sondern Tempo.

Nur darum geht es im AMG One: Jedes Detail ist darauf optimiert, das Auto möglichst schnell um eine Rennstrecke zu bewegen und gleichzeitig die Regeln der Straßenverkehrsordnung einzuhalten. So ist dieses Auto der Versuch, einen Formel-1-Boliden zum straßenzugelassenen Zweisitzer umzubauen. Besondere Herausforderungen sind die Erfüllung der gültigen Abgasnorm und eine alltagstaugliche Haltbarkeit der Technik, erklärt der Hersteller. Das erklärt die Verspätung des Produktionsstarts.

Dabei muss Mercedes-AMG am Ende doch Kompromisse eingehen. Ursprünglich sollte das Auto in weniger als sechs Sekunden Tempo 200 erreichen, jetzt sind es sieben. Zugegeben: Eine Sekunde Differenz klingt nach Haarspalterei. Aber für diese Sekunde benötigte Bugatti einst elf Jahre Entwicklungszeit und 500 zusätzliche PS – denn ungefähr so unterscheiden sich Bugatti Veyron (1.001 PS, Baujahr 2005) und Chiron (1.500 PS, Baujahr 2016) in der Beschleunigung.

Mercedes-AMG One
Karg eingerichtet, aber funktional: Das Interieur des AMG One [Bildquelle: Mercedes-AMG]

Antrieb: Ein Verbrenner, vier Elektromotoren

Trotzdem gehört der AMG One zu den schnellsten Autos auf der Welt. AMG stellt ein Auto auf die Räder, das es in dieser Form so schnell nicht noch einmal geben wird – wenn überhaupt. AMG nennt noch keine Rundenzeiten. Der eine oder andere Rekord dürfte allerdings fallen.

Das liegt zunächst an der technischen Basis des Autos. AMG montiert einen 1,6-Liter-V6-Turbomotor, wie er in der Formel-1-Saison 2015 im Einsatz war. Er leistet 574 PS bei 9.000 Umdrehungen pro Minute. Die Höchstdrehzahl liegt sogar bei 11.000 Touren. In der Formel 1 liegt die Drehzahl noch höher – dort gibt es aber Rennsprit und niedrigere Ansprüche an die Haltbarkeit.

Wie erreicht ein Motor mit dem Hubraum eines Kleinwagens diese Leistung? Mit einem riesigen Turbolader. Im Normalfall würde ein solcher Lader in Verbindung mit so wenig Hubraum erst mit großer Verzögerung ansprechen. AMG überbrückt das Turboloch daher mit einem Elektromotor, der im Turbolader montiert ist. Er beschleunigt die Schaufeln des Laders auf Betriebstempo, bevor der Abgasstrom übernimmt. Genau so funktioniert es auch in der Formel 1. Der Hersteller sagt, der Antrieb spreche schneller an als ein V8-Saugmotor.

Ein solcher Motor erfüllt nicht ohne weiteres die Anforderungen an ein Straßenauto. Für zulassungsfähige Abgaswerte baut AMG insgesamt sechs Katalysatoren und zwei Partikelfilter an das Aggregat. Der Verbrenner springt erst an, wenn vier der Katalysatoren Betriebstemperatur haben. Die bekommen dafür eine elektrische Heizung. AMG kombiniert außerdem eine Direkteinspritzung und eine Saugrohreinspritzung, um die Schadstoffemissionen gering zu halten – ein weiteres Zugeständnis an die Abgaswerte.

Drei Elektromotoren ergänzen das Konstrukt. Zwei davon sitzen an der Vorderachse, einer an der Kurbelwelle des Sechszylinders. Jeder von ihnen leistet 120 kW (163 PS). Den Strom speichert der AMG One in einem Akku mit 8,4 kWh Kapazität. In Addition mit dem Verbrenner ergibt sich eine Gesamtleistung von 782 kW (1.063 PS). Alle Elektromotoren können den Akku im Schubbetrieb laden – auch der Hilfsmotor im Turbolader. Außerdem verfügt die Batterie über ein Ladegerät mit 3,7 kW Ladeleistung.

Mercedes-AMG One
Insgesamt fünf Motoren treiben den AMG One an. Vier davon arbeiten elektrisch [Bildquelle: Mercedes-AMG]

Aerodynamik und Fahrwerk des AMG One (2022)

Der Akku im AMG One lässt sich nicht mit den Batterien der meisten Plug-in-Hybride vergleichen. Er ist dafür konstruiert, innerhalb kurzer Zeit große Mengen Energie abgeben oder aufnehmen können. Um das zu gewährleisten, temperiert ein Kühlsystem den Akku auf 45 Grad Celsius. Erst bei extremem Tempo darf er wärmer werden. Eine direkte Kühlung senkt die Temperatur danach in kurzer Zeit auf den Sollwert.

Generell spielen Luftströme eine wichtige Rolle beim schnellen AMG. Die Aluminium-Schmiedefelgen (optional: Magnesium) bekommen Leitschaufeln aus Carbon, die die Luft am Rad vorbei schieben, ohne sie zu sehr zu verwirbeln. Sie versorgen gleichzeitig die Keramikbremsen (Sechskolben vorn, 398 mm Scheibe; Vierkolben hinten, 380 mm Scheibe) mit Kühlungsluft.

Die Karosserie selbst leitet den Fahrtwind so geschickt um sich herum, dass bereits bei einem Tempo von 50 km/h Abtrieb entsteht. Mit zunehmender Geschwindigkeit steigt der Druck auf die Achsen. Aktive Flaps und Louvres optimieren je nach Fahrmodus Anpressdruck oder Effizienz. Zur Einordnung: Normale Pkw bemühen sich, bei Höchstgeschwindigkeit ihren Auftrieb gering zu halten. Nur die wenigsten generieren überhaupt Abtrieb.

Um das ermöglichen zu können, baut AMG eine Push-Rod-Aufhängung ein. Federn und Dämpfer sind bei dieser Technik nicht vertikal, sondern horizontal im Auto eingebaut. Nur so bleibt der Aufbau flach genug für die aerodynamischen Ziele. In den Rennmodi senkt sich die Karosserie zusätzlich um 37 (vorn) bzw. 30 Millimeter (hinten) ab. Bei der Abstimmung half Formel-1-Profi Lewis Hamilton.

Mercedes-AMG One
Im AMG One arbeitet ein 1,6-Liter-V6-Turbobenziner, wie er 2015 in der Formel 1 eingesetzt wurde [Bildquelle: Mercedes-AMG]

Limitierung und Preis des AMG One (2022)

AMG gibt seinen Kund*innen sechs Fahrprogramme an die Hand, um das Auto an die jeweilige Situation anzupassen. Im Standardprogramm (Race Safe) startet der One elektrisch und schaltet den Verbrenner erst zu, wenn mehr Leistung abgerufen wird. Im Race-Modus läuft der V6 dauerhaft und sorgt dafür, dass stets genug Strom im Akku verbleibt. Dazu kommen ein rein elektrischer Fahrmodus (EV), ein Rennstreckenprogramm (Race Plus), ein zweites Rennstreckenprogramm mit voller Leistung (Strat 2) und ein Individual-Modus.

Mercedes-AMG liefert den Hybrid-Sportwagen ab sofort aus. Er kostet 2,75 Millionen Euro plus Mehrwertsteuer – in Deutschland also 3.275.500 Euro. Insgesamt will der Hersteller 275 Exemplare bauen. Sie sind bereits ausverkauft. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hat das Serienauto beim Goodwood Festival of Speed im Juni 2022.

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