Das bekannteste Taxi Deutschlands verschwindet

Ab 2023 streicht Mercedes die E-Klasse und B-Klasse als Taxi aus dem Sortiment. Grund: 75 Prozent Absatzeinbuße seit 2018. Unter den Taxifahrenden kommt das nicht gut an.

Dennis Merla
Dennis Merla
Ein E-Klasse Taxi wartet auf Kundschaft
Das Taxi-Gewerbe kauft seit einigen Jahren deutlich weniger E-Klassen. Mercedes will die Taxi-Version deshalb einstellen [Bildquelle: Picture-Alliance / Andre Kubirski]

Denken Engländer an ein Taxi, haben sie den LEVC, das bekannte Londoner „Black-Cab“, vor Augen. Denken Deutsche an ein Taxi dürfte vor ihrem Inneren Auge wohl die Silhouette der Mercedes E-Klasse erscheinen. Doch das könnte sich in Zukunft ändern: Das Mercedes-Taxi wird zur aussterbenden Art. Mercedes will die E-Klasse künftig nicht mehr als Taxi-Umbau anbieten.

Auch die Tage der Taxi-Version der B-Klasse sind laut Mercedes gezählt: „Mit dem Modellwechsel der aktuellen E-Klasse und mit der Modellpflege der aktuellen B-Klasse wird das heutige Taxi-Paket nicht mehr zur Verfügung stehen.“ E- und B-Klasse stehen dem Taxigewerbe dann nur noch als Bestandsfahrzeuge zur Verfügung.

Ab Werk bietet Mercedes auch künftig die V-Klasse, den EQV, den Vito Tourer und den eVito Tourer als Taxi-Fahrzeuge an. Die Stuttgarter verlegen sich auf Vans und Transporter mit großen Innenräumen, höheren Einstiegen und bis zu sieben Sitzplätzen. Dies sei eine „Ausrichtung an den Bedürfnissen des Taxigewerbes“, so Mercedes. Die Branche selbst dürfte Mercedes den Abschied von E-Klasse und B-Klasse als Taxis erleichtern. Denn das Interesse der Taxibetriebe an den beiden Modellen schwindet laut Mercedes deutlich. In den vergangenen vier Jahren seien die Absätze der Taxi-Versionen von E- und B-Klasse um 75 Prozent eingebrochen.

Mehr Pandemie = Weniger Absatz

Mit Blick auf diese Zahl gibt der Taxi- und Mietwagenverband Deutschland zu bedenken, dass durch die Corona-Pandemie die Nachfrage nach Taxi-Fahrten stark gesunken sei – dementsprechend habe sich auch die Nachfrage nach neuen Taxi-Fahrzeugen entwickelt. Dass das Interesse an der E-Klasse schwinde, sieht man dort anders: „Im Bereich der Dienstleistung für Geschäftskunden ist die E-Klasse nicht wegzudenken, denn bei diesen legen die Kunden Wert auf eine gewisse Größe und Komfort“, erklärt der Verband gegenüber mobility.talk. „Um alle Kundenwünsche adäquat erfüllen zu können, kommt es auf die richtige Mischung des Fuhrparks an. Wir brauchen genauso Busse und Vans mit höherem Einstieg, als auch die komfortable Limousine und Kombi.“

Dennis Klusmeier, Vorstand des Taxi Verbands NRW e. V. erklärt den Absatz-Einbruch ebenfalls mit der Pandemie. Die Branche kämpfe schließlich seit zwei Jahren um das Überleben. Wie für viele andere, ist auch für Klusmeier die E-Klasse ein Stück Taxi-Geschichte des Landes.

Wirklich lukrativ war das Taxigeschäft für Autohersteller indes nicht: Die Branche bezieht ihre Fahrzeuge mit hohem Rabatt. Ein Mercedes-Benz E 200 d kostet als Sondermodell „Das Taxi“ 35.500 Euro netto, einschließlich Taxi-Umrüstung. Andere Kunden zahlen für das Modell ohne Sonderausstattung laut Preisliste mindestens 42.500 Euro netto. Mit der höheren Vielfalt am Markt, sowohl bei Fahrzeugmodellen als auch bei Ride-Hailing-Anbietern, ist die Vormachtstellung der E-Klasse erodiert. In mancher Stadt sind Toyota Prius inzwischen häufiger im Taxi-Einsatz zu sehen als Mercedes E-Klassen.

E-Klasse: Kommt ein Nachfolger?

Also ab 2023 nur noch Taxi-Vans und -Transporter von Mercedes? So ganz will man sich in Stuttgart darauf noch nicht festlegen und spricht zunächst von einer „Sondierungsphase für ein neues Mercedes-Benz Pkw Taximodell.“

Die Ankündigung zum Wegfall von E- und B-Klasse löst bei vielen Taxi-Fahrenden und Betreibern Überraschung und Enttäuschung aus. Auch deshalb, weil Mercedes diese Information schlecht abgestimmt kommunizierte. Warum die Branche auf dieses Thema sensibel reagiert? Das liegt auch an der jahrzehntelangen Verbindung zwischen den Stuttgartern und der deutschen Taxi-Industrie. Das erste damals noch altdeutsch „Kraft-Droschke“ genannte Taxi nahm in Deutschland im Jahr 1896 seinen Betrieb auf. Maximal 24 Kilometer pro Stunde fuhr die Kutsche mit eingebautem Benzinmotor.

Mit dem Strich-Acht-Modell etablierte Mercedes in den 1960er Jahren den bekannten Hellelfenbein-Farbton. Der Prototyp des deutschen Taxis war geboren. 1984 folgte die erste E-Klasse als Taxi, die – zumindest bis vor zwei Tagen – nicht mehr wegzudenken war.

Der Taxi- und Mietwagenverband Deutschland macht seinem Ärger in einem offenen Brief an Mercedes-Chef Ola Källenius Luft und schreibt von einer „schweren Störung des Verhältnisses zwischen dem Gewerbe und Mercedes-Benz“. Für das Gewerbe habe das „Brot und Buttertaxi (die E-Klasse) ihre Bedeutung nie verloren“, schreibt der Verband weiter in seinem Brief. Das sieht man in Stuttgart offenbar anders.

Mercedes stellt die Taxi-Finanzierung ein

In der Taxi-Branche sorgt nicht nur das Aus von E-Klasse und B-Klasse für Unmut. In einem Brief kündigt eine Mercedes-Niederlassung ihren  Kund*innen Anfang März seinen Rückzug aus der bisher besonders günstigen Finanzierung für neue Taxis an. Konkret bedeutet das eine Zinssteigerung für die Taxi-Unternehmen. Demnach erhalten alle Bestellenden bis zum 1. März noch die bisherige 2,99-Prozent-Finanzierung. Doch „danach können wir diesen Zinssatz nicht mehr anbieten“, heißt es in dem Schreiben. Zurückziehen aus dem Taxi-Gewerbe wolle man sich aber keineswegs, versichert Mercedes. Aber man wolle das Portfolio im Taxi- und Mietwagen-Bereich konsequent auf die „Van-Produkte“ fokussieren.

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