Mitfahrbank: Das steckt dahinter

In vielen dünn besiedelten Regionen stehen sogenannte Mitfahrbänke am Straßenrand. Können sie die Mobilität an ländlichen Standorten verbessern?

Björn Tolksdorf
Björn Tolksdorf
Mitfahrbank mit RIchtungstafel: Der zufällige Charakter der Einrichtung bleibt dennoch [Bildquelle: Linus Neugebauer via qimby.net, CC0 1.0 https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de]

In Deutschlands Provinzen stehen viele Bushaltestellen, an denen nur selten ein Bus vorbeischaut. Vielleicht zweimal, vielleicht viermal am Tag – vielleicht auch alle zwei Stunden. Wer zwischen diesen weit auseinanderliegenden Abfahrzeiten irgendwohin möchte, hat Pech – oder fährt Auto. In einigen Regionen existiert jedoch die Möglichkeit, sich auf eine auffällig gestaltete Bank neben der Haltestelle zu setzen: Die sogenannte Mitfahrbank. Wer hier sitzt, signalisiert Autofahrenden: Ich möchte gern mitgenommen werden. Zum Beispiel in den nächsten größeren Ort zum Einkaufen, oder auch eine längere Strecke. Wer mit dem Auto vorbeikommt, dazu bereit ist und Platz hat, hält an und lässt die mitfahrende Person einsteigen.

Eine einfache Idee also. Der Mitfahrverband e.V. führt auf seiner Homepage eine Übersicht der Standorte von Mitfahrbänken in Deutschland und angrenzenden Regionen in Österreich, Belgien und der Schweiz. In einigen Regionen wie Essenbach (Bayern) oder dem Alten Land (Niedersachsen) können sich Autofahrende zudem als Mitnehmende registrieren lassen. Damit sind sie der Gemeinde bekannt. Dies stärke die Sicherheit und das Vertrauen, teilt die Stadt Essenbach auf ihrer Homepage mit. In einigen Regionen verfügen die Bänke zudem über „Zieltafeln“: Mitfahrende können so ihr Ziel gut sichtbar vorbeifahrenden Autofahrenden kommunizieren.

Mitfahrbank: Gute Idee oder Alibi?

Ist die Mitfahrbank also eine gute Idee, unbürokratisch die Mobilität im ländlichen Raum zu verbessern – oder stiehlt sich der Staat damit aus der Verantwortung, ein funktionsfähiges Nahverkehrsnetz zu schaffen? Und: macht das überhaupt Sinn? Anekdotisch berichten Medien aus vielen Bundesländern von zu wenigen Nutzer*innen und zu langen Wartezeiten. Auch der Verfasser dieses Artikels hat im Sommerurlaub zahlreiche solcher Bänke gesehen, aber es saß nie jemand darauf. „Die Bank wird bisher so gut wie gar nicht genutzt“, zitiert etwa das Westfalen-Blatt den Ortsvorsteher einer Gemeinde mit 850 Einwohner*innen. Ein weiteres potenzielles Problem ist die Sicherheit. Es lässt sich nicht sagen, wer dort anhält oder einsteigt. Auch die Planbarkeit ist mäßig: Es lässt sich nicht vorhersagen, ob und wann jemand anhält. Wer Termine hat oder pünktlich zur Arbeit muss, taugt da eher nicht als Zielgruppe.

Viele Gemeinden berichten dennoch von positiven Effekten, wenn auch zum Teil indirekt. So bilden sich um die Mitfahrbänke herum regelmäßige Fahrgemeinschaften oder es entstehen sogar Freundschaften, berichtet etwa die „Süddeutsche Zeitung“ aus dem Saarland.    

Ergänzendes Angebot für alternde Landstriche

Ob die Mitfahrbank eher Top oder Flop ist, versucht eine Studie der Frankfurt University of Applied Sciences und der Hochschule Rhein-Main fundiert zu ergründen. Als wichtigen Faktor hebt sie zunächst die demographische Entwicklung im ländlichen Raum hervor: Die Zahl der Schulkinder sinkt, die Zahl der Senior*innen steigt. Da sich Busangebote bislang vor allem am Bedarf schulpflichtiger Kinder ausrichten, geht das ÖPNV-Angebot also am Bedarf eines wachsenden, schon heute größeren Teils der Bevölkerung vorbei.

Die Einrichtung von Mitfahrbänken sieht die Studie vor diesem Hintergrund als einen der „einfachsten und prinzipiell niedrigschwelligsten Ansätze“ zur Schließung von Lücken im ÖPNV-Netz. Senior*innen bilden die Hauptzielgruppe. Initiiert werden die Bänke daher meist von zivilgesellschaftlichen Gruppen wie Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Senior*innenverbänden oder Umwelt- und Klimaschutzgruppen. Im Schnitt betragen die Kosten rund 600 Euro pro Bank. Die Infrastruktur ist also einfach errichtet, zu geringen Kosten und mit kleinem organisatorischem Aufwand.

 Allerdings: Um einen Erfolg zu erzielen und die Mobilität in den ländlichen Gebieten tatsächlich zu stärken, muss zusätzlich die Nutzung in der Bevölkerung etabliert werden und so eine „kritische Masse“ aufgebaut werden. Sitzt kaum einmal jemand auf der Bank, werden Autofahrende kaum ihr Tempo reduzieren, um Interessierte rechtzeitig zu bemerken. Hält niemand an, wird sich schon bald kein Mitfahrender mehr finden.

Mitfahrbank: Wer nutzt das Angebot?

Wie und wer nutzt das Angebot? Dies wollten die beiden Hochschulen mit Hilfe mehrerer Befragungen ermitteln. In Taunusstein wurden die im Programm registrierten Fahrer*innen befragt. Ergebnis: In der Mehrheit bieten Menschen ab 50 Jahre an, Mitfahrende mitzunehmen. Die Nutzung scheint gering, aber messbar: 42 Prozent gaben an, binnen eines Jahres niemanden mitgenommen zu haben. Die Mehrheit hat also Mitfahrende mitgenommen, jedoch seltener als einmal monatlich. Oft seien die Bänke leer. Dies wertet die Studie als „geringen, aber messbaren Nutzen“.

Schlussfolgerung: Es mangelt in Taunusstein weniger an Mitfahrgelegenheiten als an Mitfahrenden. Kommunikationsmaßnahmen, die das Angebot stärken sollen, müssten sich also auf die Nachfrageseite konzentrieren. Auch eine parallele Befragung unter der allgemeinen Bevölkerung Taunussteins lässt auf eine niedrige Nutzungsquote schließen. Als Haupthindernis nennen die Teilnehmenden nicht etwa ein Unsicherheitsgefühl, sondern die fehlende Garantie, ein Ziel in einer bestimmten Zeit zu erreichen.

Mitfahrbank Stade
Mitfahrbank im Alten Land nahe Stade: Wenig genutzt, aber sympathisch [Bildquelle: Björn Tolksdorf]

Positive Wirkung: Gute Stimmung

Die Studie sieht nach diesen Ergebnissen Mitfahrbänke als ergänzendes Verkehrsangebot, das keine hohe Nutzungsquote erwarten lässt. Das gilt insbesondere dort, wo andere attraktive Angebote existieren, etwa ein funktionierendes On-Demand-Bussystem. Aber: Mitfahrbänke können indirekt positive Wirkung zeigen. Die Befragten äußern sich grundsätzlich positiv zu dem Konzept, es wirkt sympathisch auf sie. Wer sich registrieren lässt, tut das mit dem Wunsch, zu helfen.

Es sind meist lokale Initiativen, die solche Projekte vorantreiben. Sie organisieren sich und stoßen gemeinsam ein politisches Projekt an, dabei sammeln sie wichtige Erfahrungen im Empowerment und im Umgang mit Behörden. Wer sich für die Bänke interessiert, beginnt sich häufig auch anderweitig für nachbarschaftliche, lokale Themen zu interessieren. Dies zeigt auch die hohe Bereitschaft lokaler Unternehmen, Mitfahrbänke zu sponsern. Neben dem überschaubaren Verkehrsnutzen steht also die Stärkung des regionalen Zusammenhalts auf der Haben-Seite. Und: Eine zusätzliche Bank am Wegesrand, in einer landschaftlich reizvollen Region, da kann man doch eigentlich nichts kritisieren.

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