"Paris wird durch Tempo 30 aufblühen"

In Paris gilt innerorts konsequent Tempo 30 – trotz Widerstands von Lobbygruppen. Erste Rufe nach einer ähnlichen Regelung in deutschen Großstädten werden laut.

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Zu sehen ist ein Tempo 30-Schild in Paris
Auf den Straßen von Paris gilt ab September 2021 Tempo 30 [Christophe Petit Tesson/MAXPPP/picture-alliance.com]

Paris ordnet den Straßenverkehr neu. Frankreichs Hauptstadt strebt eine Verkehrswende an. Das Auto soll nicht mehr überall dominieren. In großen Teilen des innerstädtischen Straßennetzes gilt ab dem 30. August 2021 Tempo 30. Ausnahmen: die Stadtautobahn und wichtige Verkehrsachsen. Auf ihnen ändert sich nichts. 59 Prozent der Pariser hätten einer Geschwindigkeitsbegrenzung bei einer Umfrage zugestimmt, begründete die Stadtverwaltung den Schritt.

Das Ziel der Maßnahme: 25 Prozent weniger Unfälle, halb so viel Lärm und mehr Raum – insbesondere für Radfahrer. Dabei bedeutet die neue Regelung eine überschaubare Umstellung, denn auf 60 Prozent der Straßen galt schon vorher Tempo 30.

Das neue Tempolimit ist nur eine Maßnahme von etlichen zur Eindämmung der Automassen in Paris. Auf vielen Straßen wird im Moment gebaut. Dort entstehen neue Fahrspuren für Radfahrer. 52 Kilometer Pop-Up-Radwege, die während der Corona-Pandemie mit Betonblöcken von den Autospuren abgetrennt wurden, sogenannte „Coronapistes“, werden in dauerhafte Radfahrstreifen umgewandelt. Seit dem Lockdown legten die Pariser sieben Prozent ihrer Wege per Rad zurück. Vor der Pandemie waren es fünf, meldet die Stadt.

Zu sehen ist ein Fahrradweg
"Coronapistes": Aus den provisorischen Fahrradwege für die Corona-Zeit werden derzeit permanente Fahrspuren [Quelle: picture alliance / Hans Lucas | Arthur Nicholas Orchard]

Bürgermeisterin Hidalgo als Motor der Verkehrswende

In anderen Straßen müssen die Autos komplett den Fußgängern weichen. Dort entstehen öffentliche Begegnungsflächen und Fahrradstellplätze. Zudem lässt Paris Bäume und Gartenflächen pflanzen. All dies fügt sich in einen 2018 vorgelegten Plan. Er soll der Metropole ein Durchatmen mit mehr Stadtgrün, 1.000 Kilometern Radwegen und neuen Straßenbahnlinien verschaffen. Der Motor hinter vielem ist Oberbürgermeisterin Anne Hildago, die sich gegen die Luftverschmutzung einsetzt. Schön länger gilt: Bei schlechter Luft wird der Verkehr eingeschränkt, Schadstoff-Plaketten für Autos sind Pflicht. Einige Straßen sind für den Verkehr gesperrt, zum Beispiel das rechte Seine-Ufer. Stattdessen ist dort eine Flaniermeile entstanden.

Ohne Kritik bleibt das Tempolimit in Paris aber nicht: Bei der Umfrage wurden Bewohner des Großraums Paris angesprochen, die nicht per Metro an ihr Ziel gelangen können. 61 Prozent von ihnen sprachen sich gegen die Maßnahme aus. Und der Interessensverband der Autofahrer „40 millions d’automobilistes“ zweifelt den Zweck der Maßnahme an. Innerhalb von Paris gebe es ohnehin wenig Unfälle, und wenn, dann seien meist Radfahrer betroffen, sagte der Verbandsdelegierte Pierre Chasseray der Zeitung „Le Figaro“. Und der Verkehrslärm werde von den Autoreifen und nicht den Motoren verursacht, weniger Tempo helfe da kaum.

Zu sehen ist Anne Hidalgo
Bürgermeisterin Anne Hidalgo treibt die Verkehrswende in Paris konsequent voran [Quelle: Daniel Derajinski/ABACAPRESS.COM/picture alliance]

Widerstand gegen Frankreichs Verkehrswende

Widerstand droht bei weiteren schon angekündigten Maßnahmen in Paris. Ab Anfang kommenden Jahres sollen erstmals Motorräder und Motorroller Parkgebühren zahlen. Nur E-Motorräder sind ausgenommen. Kaufleute und Anwohner kritisieren Pläne, im Herzen von Paris viele Straßen in Fußgängerzonen zu verwandeln. Diese Vorhaben seien nun wohl bis 2023 aufgeschoben, schrieb die Zeitung „Le Parisien“ kürzlich.

Wichtig für Touristen und Besucher: In Paris weisen nicht hunderte neue Tempo-30-Schilder auf die neue Regelung hin. Hinweise gibt es nur an den Einfallstraßen in die Stadt. Das sei ausreichend, befand 2019 der damalige Innenminister.

Pionier mit dem stadtweiten Tempolimit ist Paris in Frankreich nicht: Die Großstädte Lille und Grenoble senkten vorher bereits das Tempo. Der Fahrradclub ADFC sieht die französische Hauptstadt allerdings als Vorbild für ähnliche Regelungen in Deutschland.

„Tempo 30 entspannt das Leben in den Städten, es macht sie sicherer, klimafreundlicher und leiser“, sagte ADFC-Bundesgeschäftsführerin Ann-Kathrin Schneider. „Wie in Paris und anderen europäischen Metropolen sollte es auch in deutschen Städten möglich sein, Tempo 30 innerorts als Regelgeschwindigkeit einzuführen.“ Tempo 50 könne dann etwa an Hauptverkehrsachsen beibehalten werden, wo es schon breite Radwege gibt. „Paris wird durch Tempo 30 aufblühen, und das sollten deutsche Städte auch.“

Zu sehen ist die Champs Elysees in Paris
Frankreich will für seine Wahrzeichen bekannt sein - nicht für den Verkehrsinfarkt [Quelle: picture alliance / Zoonar | Mykhailo Pavlov]

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