Premiere: LNG-Tanker überquert komplett autonom den Pazifik

Ein LNG-Tanker der Hyundai-Tochter Avikus hat eine Ozeanpassage von 10.000 Kilometern autonom bewältigt. Dabei fuhr das Schiff effizienter als der Mensch.

Dennis Merla
Dennis Merla
Der LNG-Tanker Prism Courage
Die Prism Courage hat ohne menschliches Zutun den Pazifik überquert [Bildquelle: Hyundai Heavy Industries Group]

Die Hyundai-Tochter Avikus hat mit dem Flüssiggastanker Prism Courage nach eigenen Angaben weltweit die erste autonome Ozean-Überfahrt mit einem Handelsschiff durchgeführt. Der Tanker startete seine Reise in der Stadt Freeport im US-Bundesstaat Texas. Vom Golf von Mexiko aus ging es zunächst durch den Panamakanal. Die erste Hälfte steuerten die Seeleute das Schiff manuell. Erst ab der Hälfte der 20.000 Kilometer langen Reise bis zum LNG Terminal Boryeong in Südkorea übernahm der Software-gesteuerte Kapitän das Ruder. Hyundai nennt das System „Hyundai intelligent Navigation Assistant System“ – kurz HiNAS 2.0.

Die Prism Courage fährt unter der Flagge Panamas. Der 2021 vom Stapel gelaufene Tanker ist 300 Meter lang, 50 Meter breit und wiegt 134.000 Tonnen.

Dass große Tanker Strecken auch ohne menschliches Zutun zurücklegen können, ist nicht neu. Selbst kleine Boote verfügen oft über Autopiloten, die allein den Kurs halten. Große Tanker können sogar selbstständig in Häfen einlaufen. Intelligent sind diese Systeme allerdings nicht. Statt autonom zu operieren, fahren sie zuvor einprogrammierte GPS-Koordinaten ab. Bei der Prism Crouage ist das anders. Ihr softwaregesteuerter Kapitän muss auf die unterschiedlichen Situationen einer Ozeanüberfahrt selbstständig reagieren. Dazu ermitteln Kameras und verschiedene Sensoren permanent etwa das Wetter, die Strömung, den Wellengang und die Route anderer Schiffe. Mehr als hundertmal musste der Tanker auf seiner Fahrt entgegenkommenden Schiffen ausweichen. Jede Reaktion der Prism Courage musste dabei stets im Einklang mit dem geltenden Seerecht stehen.

Unter anderem in Abhängigkeit von Wetterdaten wählt das Schiff die schnellste und effizienteste Route zum Ziel. Laut Hyundai hat die Prism Courage so auf ihrer Hälfte der Route rund sieben Prozent Treibstoff und fünf Prozent Treibhausgasemissionen eingespart.

Gänzlich ohne Aufsicht hat man den großen Tanker natürlich nicht fahren lassen. Den autonomen Teil der Fahrt überwachten das American Bureau of Shipping (ABS) und das Korea Register of Shipping (KR).

Hyundai hofft auf Zertifizierung

Hyundai hofft nach den positiven Ergebnissen der autonomen Überfahrt auf eine Zertifizierung des HiNAS-Systems durch das American Bureau of Shipping. Gibt es grünes Licht, wollen die Koreaner noch in diesem Jahr ihr autonomes Navigationssystem kommerzialisieren.

Hyundai sieht in seinem System viele Vorteile für die Branche. So soll die autonome Navigation für mehr Sicherheit sorgen, weil menschliche Fehler ausgeschlossen würden. Darüber hinaus habe die Branche mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen. Autonom fahrende Handelsschiffe könnten laut Hyundai Abhilfe schaffen. Die Koreaner erhoffen sich darüber hinaus ein Milliardengeschäft. Laut dem Marktforschungsunternehmen Acute Market Reports soll der Markt für autonome Navigationsschiffe bis 2028 auf 235 Milliarden Dollar anwachsen.

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