Die letzte Güter-Dampflok stellt ihren Betrieb ein

Ab 1825 trieben Dampflokomotiven die industrielle Revolution an. Jetzt endet ihre Ära: In China stellt die letzte Güter-Dampflok den Betrieb ein.
Constantin Bergander
Constantin Bergander
Die letzte Dampflokomotive stellt den Betrieb ein
Betrieb eingestellt: Die letzte regelmäßig fahrende Güterdampflok auf der Kohleminenstrecke in Sandaoling [Bildquelle: picture alliance / Photoshot]

Der erste Treibstoff für die maschinelle Fortbewegung war Dampf. Heißes Wasser dehnt sich beim Übergang ins Gasförmige aus, regt Zylinder und Pleuel an und bewegt mit der Kraft seiner chemischen Eigenschaften tonnenschwere Lasten. Seit dem frühen 19. Jahrhundert trieb dieses Prinzip erst in England, später weltweit Züge an. Gut 200 Jahre lang schleppten sie Lasten durch die ganze Welt. Jetzt stellt die Güter-Dampflokomotive ihre regelmäßige Arbeit endgültig ein.

Am 25. April 2022 fuhr auf der Sandaoling Kohleminenstrecke im nordwestlichen China zum letzten Mal eine Dampflok. Ab 1958 transportierten dort Lokomotiven der JS-Baureihe Kohlegestein zu einem zehn Kilometer entfernten Verladebahnhof. In Spitzenzeiten fuhren sie pro Jahr drei Millionen Tonnen Kohle aus der Mine. Mittlerweile können die Betreiber ihre Züge aber nicht mehr warten und reparieren – es fehlen die Bauteile. Am 7. Mai begann der Abbau der Gleise.

Dampflokomotive auf der Sandaoling Kohleminenstrecke beendet den Betrieb

Für Fans der Dampf-Eisenbahn war Sandaoling ein beliebtes Reiseziel. Nur dort ließen sich noch Dampfloks im echten Einsatz beobachten. Spezialisierte Anbieter organisierten Reisen in die Xinjiang Provinz zu den fleißigen Zügen. 2018 schleppten noch elf Dampfloks mit einem Tempo von maximal 30 km/h Kohle in bis zu 50 Waggons zum Drehkreuz. Damals hieß es bereits, die Mine werde innerhalb von zwei Jahren schließen. Doch der Kohlebedarf in China hielt sie offen.

In jedem Zug arbeiteten während der aktiven Zeit vier Personen: Lokführer, Assistenzlokführer, Heizer und Flaggmann. Wer neu dazukam, fing als Flaggmann an, arbeitete sich danach zum Heizer hoch und durfte schließlich selbst eine Dampflok bedienen. Bis es so weit war, dauerte es oft acht oder mehr Jahre. Insgesamt bestand das Team aus mehr als 60 Personen, von denen der Großteil älter als 50 Jahre war.

Trotz aller Absichtserklärungen, den Betrieb einzustellen, wären die chinesischen Dampfloks noch eine Weile weitergefahren – wäre da nicht der Mangel an Ersatzteilen. Wenn ein Defekt auftritt, musste zuletzt eine andere Dampflok ein Teil spenden. Ein dampfbetriebener Kran hebt bei solchen Reparaturen die schweren Elemente an, um die Arbeiten zu ermöglichen. Zuletzt waren nur noch sechs Zugwagen auf den Gleisen unterwegs.

Dampflok Betriebsende in Sandaoling
Zugführer Cheng Zhongyun beim Prüfen seiner Dampflokomotive auf dem Sandaoling Coal Mine Railway im Februar 2018 [Bildquelle: picture alliance / Photoshot]

Die Dampflock als Zugwagen der Industrialisierung

Im späten 18. Jahrhundert halfen Dampfmaschinen in Bergwerken dabei, schwere Lasten aus den Schächten zu heben. Zur gleichen Zeit ermöglichten Weiterentwicklungen der Dampftechnik, kompakte Dampfmaschinen auf Fahrgestelle zu bauen. Anfang des 19. Jahrhunderts fuhr zum ersten Mal eine Dampflok auf Schienen. Im Jahr 1825 wurde in England die erste Eisenbahnstrecke der Welt eröffnet: Der Stockton and Darlington Railway führte von den Kohlegruben um Bishop Auckland zu den namensgebenden Ortschaften Darlington und Stockton-on-Tees.

Die Dampfeisenbahn verbreitete sich schnell in Kontinentaleuropa und Nordamerika und wuchs mit ihren Aufgaben. Sie transportierte schwerere Lasten und steigerte das Tempo. Im Jahr 1893 soll eine US-amerikanische New York Central-4-4-0 eine Geschwindigkeit von 181 km/h erreicht haben. Den Temporekord hält die englische Mallard. Sie fuhr im Jahr 1938 knapp 203 km/h schnell.

Ende des 19. Jahrhunderts führte China die Dampfeisenbahn ein. Während in anderen Ländern Diesel und Strom den Dampf ablösten, hielt China an den Dampfloks fest. In den USA stoppten die großen Produzenten in den 1950er und 1960er Jahren den Bau von Dampflokomotiven, während China den Ausbau der Strecken enorm beschleunigte. Deutschland stellte Ende der 1970er Jahre den Betrieb von Dampflokomotiven ein. Zu dieser Zeit begann in China erst die Elektrifizierung des Eisenbahnnetzes.

Das Ende der Dampfloks: Vom Arbeitstier zur Attraktion

Als in China im Jahr 1999 die Produktion von Dampflokomotiven endet, sind noch fast 2.000 Dampfloks im regelmäßigen Einsatz. Erst 2003 sortiert das Land die Maschinen aus dem täglichen Betrieb aus. Mittlerweile sind sie in urbanen Räumen verboten und dürfen nur auf speziellen Strecken eingesetzt werden – wie der Sandaoling Kohleminenstrecke.

Mit dem Aus des letzten regelmäßigen Einsatzes sind Dampfloks nicht mehr im Güterverkehr unterwegs. China, Nordkorea und Bosnien benutzen sie an einigen Stellen noch zum Rangieren von Waggons. An manchen Orten fahren sie außerdem als Touristenattraktionen. Zu ihnen gehört der „Rasende Roland“ auf Rügen. Vereine wie die Dampflokfreunde Berlin e.V. kümmern sich um den Erhalt der Lokomotiven als Kulturgut und um die Organisation regelmäßiger Ausfahrten. Kohle schleppen die Loks dann aber nur zur Selbstversorgung.

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