Second-Life: Anwendungen für alte Elektroauto-Akkus

Je länger Elektroauto-Akku in Umlauf ist, desto besser wird seine CO2-Bilanz. Viele Autohersteller suchen deshalb nach Second-Life-Anwendungen für ihre Stromspeicher – und werden kreativ.

Dennis Merla
Dennis Merla
Ein Akku eines Elektroautos schimmert durch die Fahrzeug-Silhouette
Wohin mit alten E-Auto-Akkus? Einige Hersteller schenken ihren ausgedienten Stromspeichern ein zweites Leben [Quelle: Adobe Stock]

Der Hochlauf der Elektromobilität ist im vollen Gange. Von Januar bis Oktober wurden in Deutschland rund 267.300 reine Elektroautos zugelassen. Die Antriebswende soll helfen, den CO2-Ausstoß im Straßenverkehr zu senken. Doch ein zentrales Bauteil trübt die Umweltbilanz des Elektroautos erheblich: die Batterie. Zwar sind Akkus von E-Autos mittlerweile recycelbar. Für eine gute CO2-Bilanz ist jedoch die Nutzungsdauer von entscheidender Bedeutung. Die wollen Hersteller über sogenannte „Second-Life-Anwendungen“ verlängern.

BMW: i3-Akkus versorgen Coldplay-Tour mit Strom

Für die Auftritte der Band Coldplay um Sänger Chris Martin stammt der Strom normalerweise aus Dieselgeneratoren. Auf der Welt-Tournee im Jahr 2022 liefern alten Elektroauto-Akkus des Elektrokleinwagens BMW i3 den Strom für Boxen und Gitarren. Laut BMW seien dies die „weltweit ersten mobilen, wiederaufladbaren Show-Batterien“. Insgesamt kommen rund 40 alte Autobatterien zum Einsatz. BMW sieht in diesem Konzept eine Blaupause für die gesamte Live-Branche. Der Strom zum Laden der Batterien stammt aus erneuerbaren Quellen. Unter anderem wird in den Konzerthallen dafür ein „kinetischer Stadionboden“ ausgelegt – tanzen die Fans darauf, erzeugen sie Strom für die Show.

BMW nutzt i3-Batterien auch als Strom-Speicherfarm für sein Werk in Leipzig. Dort kommen 700 ausgedienten Elektroauto-Akkus zum Einsatz, die von vier Windrädern auf dem Firmengelände geladen werden.

40 alte E-Auto-Batterien versorgen die Coldplay-Shows [Quelle: Picture-Alliance | Matt Crossick]

Skoda: Stationäre Speicher für die Vertragshändler

Skoda nutzt die alten Batterien als Stromspeicher für seine Vertragshändler. Die Akkus stammen aus dem rein elektrischen Enyaq iV und aus den Plug-in-Hybrid-Modellen Superb iV, sowie Octavia iV. Zum Stromspeicher werden sie, indem entweder bis zu 20 Akkus mit jeweils 13 kWh aus den PHEV-Fahrzeugen oder fünf 82-kWh-Akkus aus dem Enyaq zusammengeschlossen werden. Die Gesamtkapazität beträgt etwa 328 kWh.

Der stationäre Speicher ist skalierbar und flexibel einsetzbar. Laut Skoda könnte er eine Ladesäule bis zu einer Leistung von 150 kW versorgen, oder Photovoltaik-Strom speichern, um damit die Geschäftsräume der Vertragshändler zu versorgen. Zunächst setzt Skoda für seine Speicher-Einheiten Akkus aus Test- und Vorserienfahrzeugen ein, später sollen jedoch auch Akkus aus gebrauchten Serienfahrzeugen hinzukommen. Die Idee scheint bei Skodas Händlern auf Interesse zu stoßen. 160 Vorbestellungen aus Tschechien, Deutschland, den Niederlanden und der Slowakei liegen nach Unternehmensangaben bereits vor. Nachdem die Akkus ihren Zweit-Lebens-Dienst absolviert haben, will Skoda sie recyceln.

Audi: E-Tron-Akkus für Afrika

Audi findet in Afrika neue Verwendungsmöglichkeiten für seine ausgedienten Elektroauto-Batterien. Gemeinsam mit dem Sozialunternehmen Africa GreenTec will der Autohersteller Akkuspeicher seines Elektro-SUV E-Tron nutzen, um damit afrikanische Dörfer in der Nacht mit Strom zu versorgen. Die Akkus werden dazu an einen „Solar-Container“ angeschlossen, der die Stromspeicher am Tag über eine Photovoltaikanlage auflädt. Ein intelligentes Stromnetz verteilt den Strom an die einzelnen Häuser, die Abrechnung erfolgt über ein Pre-Paid-Tarifsystem. Mittelfristig sollen mindestens 50 Dörfer in der Sahelregion ihren Strom aus Audis alten E-Auto-Batterien beziehen. Der Hersteller stellt dafür 240 ausrangierte Akkus zur Verfügung und kümmert sich dabei auch um das „third life“ der Stromspeicher – nimmt sie also nach ihrem Einsatz wieder zurück und recycelt sie.

Solaranlagen laden die Akkus tagsüber auf [Quelle: Africa GreenTec]

Nissan: Leaf-Akkus für das Amsterdamer Stadion

Ein Fußballspiel, oder andere Großveranstaltungen in Stadien brauchen viel Strom. Flutlicht und Rasenheizung in der Amsterdamer Johan Cruyff Arena werden seit 2018 von ausgediente Akkus des Nissan Leaf mit Strom versorgt. Dazu wurden 148 Akkus zusammengeschlossen. Gemeinsam kommen sie auf eine Gesamtkapazität von 2,8 MWh. Der Strom aus dem Speicher würde ausreichen, um rund 7.000 Amsterdamer Haushalte eine Stunde lang mit Strom zu versorgen. Auf dem Dach der Arena befinden sich 4.200 Solarmodule. Mit ihnen werden die Akkus tagsüber aufgeladen. Laut eigenen Angaben sei dieses System Europas größtes Energiespeichersystem in einem gewerblichen Gebäude. Das Energiespeichersystem entlastet zudem das niederländische Stromnetz, in dem es auftretende Lastspitzen verhindert.

Renault: Der mobile Speicher für den Campingplatz

Der französische Autohersteller Renault baut einen mobilen Stromspeicher. Der versorgt natürlich keine 7.000 Haushalte wie die Akkus des Nissan Leaf. Die mobilen Renault-Speicher decken jeweils den Tages-Strombedarf von einem Haushalt. Unterstützung holt sich Renault dabei vom Berliner Startup Betteries. Bis zu vier Module mit jeweils 2,3 kWh können zusammengeschlossen werden, damit wird eine Gesamtkapazität von 9,2 kWh erreicht. Die Module setzt der Hersteller auf eine Art Sackkarre, damit das System mobil eingesetzt werden kann. Das Gewicht soll laut Hersteller maximal 35 Kilogramm betragen. Mit dem System könnten laut Hersteller Baustellen, Food-Trucks, oder Film- und Eventaufnahmen mit Strom versorgt werden. Bei der Sackkarren-Größe soll es nicht bleiben. Künftig sollen bei Betteries auch Energiespeichersysteme in Container-Größe entstehen.

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