Wien: Anwohnerparken im gesamten Stadtgebiet

Parkschein und Anwohner-Plakette sogar im Reihenhaus-Vorortviertel: In Wien gilt dies seit heute. Streit gibt es um Sonderrechte für bestimmte Berufsgruppen. Deutsche Kommunen werden genau hinschauen.

Redaktion
In Wien gilt nun annähernd flächendeckende Parkraumbewirtschaftung. Nicht nur im Zentrum (Foto), sondern auch in den meisten EIgenheimvierteln am Stadtrand [Bildquelle: picture alliance / Tobias Steinmaurer / picturedesk.com]

Ein schneller Besuch im anderen Stadtteil? Aus dem Umland mit dem Auto zum Arbeitsplatz in die Stadt fahren? Eine Reise nach Wien mit dem eigenen Fahrzeug? Im Prinzip ist das alles noch möglich, es wird aber seit  dem 1. März 2022 deutlich schwerer und teurer. Aus Klimaschutzgründen weitet Österreichs Hauptstadt das Anwohnerparken auf das gesamte Stadtgebiet aus.

Vor mehr als 20 Jahren hat die Stadt Wien das sogenannte Parkpickerl eingeführt. Im Wesentlichen entspricht sein Konzept der aus deutschen Städten bekannten Parkraumbewirtschaftung: Anwohner*innen kaufen für eine Gebühr von mindestens 120 Euro im Jahr eine solche Plakette. Sie erlaubt das längerfristige oder vielstündige Parken im jeweiligen Stadtteil.

Alle übrigen Autofahrenden müssen dagegen von Montag bis Freitag zwischen 9 und 22 Uhr einen Parkschein lösen, der maximal zwei Stunden gültig ist. Alternativ stehen Parkhäuser und Park&Ride-Parkplätze am Stadtrand zur Verfügung. Das Konzept kennen wir aus Metropolen in ganz Europa. Die Wiener Besonderheit ist die Ausweitung auf das komplette Stadtgebiet. Sie wird nun mit der Einführung der Parkraumbewirtschaftung in den letzten fünf der insgesamt 23 Wiener Bezirke vollzogen. Ausnahmen von der Regel gibt es: Etwa in Industriegebieten und einzelnen Stadtrandsiedlungen. In deutschen Großstädten wie Berlin ist das Anwohnerparken auf Innenstadt-Bezirke beschränkt.

Es bleibt das Parkhaus

Die Maßnahme der Zwei-Millionen-Metropole trifft auch Tourist*innen oder Besuchende von Angehörigen. „Wenn Eltern einer deutschen Studentin unter der Woche mit dem Auto kommen, bleibt ihnen nur das Parkhaus“, sagt ein Sprecher des Verkehrsressorts der Stadt. Es sei gelungen, alle Stadtteile von der Sinnhaftigkeit der Maßnahme zu überzeugen, heißt es aus dem Rathaus.

„Pkw, die im Schnitt 23 Stunden pro Tag gar nicht bewegt werden, dauerhaft im öffentlichen Raum abzustellen, ist eine der ineffizientesten und stadtunverträglichsten Formen, den ruhenden Verkehr zu organisieren“, sagt Harald Frey, Verkehrswissenschaftler der Universität Wien.

Das erklärte Ziel der Metropole Wien: Die Stadt will den Auto-Pendelverkehr bis 2030 halbieren. Nach Schätzungen pendeln täglich um die 200.000 Menschen nach Wien zur Arbeit ein.

Kurzparkzone in Wien: Wer kein "Parkpickerl" bekommt, darf nur noch zwei Stunden parken, natürlich gegen Gebühr [Bildquelle: picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA]

Die Voraussetzungen sieht die Stadt als günstig an: Beim öffentlichen Nahverkehr ist Wien weiter als viele andere europäische Großstädte. Die Stadt besitzt ein dichtes Netz an Bussen und Bahnen. Die U-Bahn fährt im schnellen Takt, die Tickets sind günstig: Eine Jahreskarte kostet 365 Euro, einen Euro pro Tag. Die Einnahmen aus der Parkraum-Bewirtschaftung, die auf dann etwa 170 Millionen Euro im Jahr steigen, sollen direkt in den weiteren Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs fließen.

Anwohner*innen betonieren ihre Vorgärten

Kritik an der Maßnahme gibt es trotzdem. Weniger in den dichtbebauten Innenstadtvierteln, die überwiegend schon an Parkraumbewirtschaftung gewöhnt sind. Aber in den äußeren Flächenbezirken mit ihren vielen Einfamilienhäusern, vor denen es nur selten Parkplatznot gibt. In diesen Vierteln führt die Parkraumbewirtschaftung einem Bericht der „Wiener Zeitung“ zufolge zur einer verstärkten Flächenversiegelung: Eigenheimbesitzende wollen für das Parkpickerl nicht zahlen und betonieren stattdessen ihre Auffahrten und Vorgärten.

In der Heimkehrersiedlung am Laaerberg etwa wurde die Parkraumbewirtschaftung vor fünf Jahren eingeführt. Seitdem seien dort „die Straßenräume gähnend leer und die Vorgärten sind mit Garagen und Carports zugebaut“, zitiert der Bericht den Ziviltechniker Michael Gruber. Er warnt vor allem vor einer Nachverdichtung von Gebieten, die über einen mangelhaften ÖPNV-Anschluss verfügen. Die gibt es auch in Wien.

Kritik: Wer in Wien zu Besich kommt, dem bleibe nur das Parkhaus. Das ist anderswo auch so - meist aber nur in der Innenstadt [Bildquelle: picture alliance / Gerhard Wild / picturedesk.com]

Kritikpunkt: Viele Ausnahmen

Für Unmut sorgt auch, dass es viele Ausnahmen gibt – und damit viele Berufsgruppen, die auch gern eine Ausnahme hätten. So erhalten Mitarbeitende der Polizei ein Parkpickerl für ihren Arbeitsort, ebenso Firmenfahrzeuge jeglicher Gewerbebetriebe sowie Arbeitnehmende, deren Arbeitszeit vor 5.30 Uhr beginnt oder nach 24 Uhr endet – nicht aber Hausärzt*innen oder Pädagog*innen.

„Wir haben schon einige Mitarbeiterinnen, die wegen der Ausweitung des Parkpickerls gekündigt haben“, sagt der Geschäftsführer eines Betreibers von 93 Kindergärten der Zeitung „Die Presse“. Viele Fachkräfte aus dem Umland wollten die zusätzlichen Kosten nicht tragen und suchten sich lieber Arbeitsstellen in der Nähe ihrer Wohnung. Es drohe auch mehr Verkehr: Wer bisher das Dienstauto vor der eigenen Haustür abgestellt habe, etwa Fahrende von Krankentransportern, müsse es nun zum Firmengelände fahren und es so zusätzliche Kilometer bewegen. Gastronom*innen, deren Kneipen schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind, bangen um Gäste. Zumal die Besucher*innenparkplätze jetzt auch von Mitarbeitern genutzt werden müssten, heißt es.

Die Stadt verweist auf die ökologische Zielsetzung der Maßnahme, Härtefälle werde es immer geben. Schon bisher habe sich gezeigt, dass Ängste übertrieben gewesen seien. Die Opposition in der Stadt fordert Ausnahmen, etwa für die ältere Bevölkerung und einzelne Berufsgruppen. Es gehe etwa um Angehörige, die ein pflegebedürftiges Familienmitglied betreuten, so Vertreter der ÖVP im Rathaus.

Und Deutschland? „Raum zum Leben“

In Deutschland werden einige Städte die Wiener Erfahrungen genau begutachten. Der Deutsche Städtetag sieht die Wiener Initiative als Beispiel für den konsequenten Weg einer Kommune: „Wir müssen genau schauen, wie wir die öffentlichen Flächen in unseren Städten nutzen – als einladenden Raum zum Leben, Laufen und Fahrradfahren, nicht nur als Fahrbahn für Autos oder Parkplatz“, sagt Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy.

Verteuerung und Verknappung des Parkraum-Angebots: Diesen Weg gehen viele Städte, auch in Deutschland. Frankfurt am Main hält in Teilen der Innenstadt Parkplätze vorrangig für Anwohner*innen vor, Auswärtige finden nur ein kleines Angebot. Reutlingen und Tübingen wollen die Parkgebühren deutlich erhöhen und die Parkraumbewirtschaftung in innenstadtnahe „Ausweichquartiere“ ausweiten. Die Idee, großflächig Einfamilienhausviertel einzubeziehen, kennen wir aus Deutschland bisher jedoch nicht.

(mit Material von dpa)

Blick auf Wien vom Laaer Berg: Auch weitab der Innenstadt gilt nun vielerorts Parkraumbewirtschaftung [Bildquelle: Harald Schilly via wikicommons, license: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de]

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