App Mobility inside: Beenden Bus und Bahn die Kleinstaaterei?

Eine Reise von Tür zu Tür planen, buchen und bezahlen? Vom Zugticket über den Nahverkehr bis zu Leihrad oder Carsharing? Das soll es bald in Deutschland geben. Die Mobility inside App bietet großes Potenzial.

Ein Schaffner beobachtet die Abfahrt einer Regionalbahn auf dem Nürnberger Hauptbahnhof [Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt]

Alle Mobilitätsangebote in einer App? Eine Reise von Tür zu Tür planen, buchen und bezahlen – vom Zugticket über den Nahverkehr bis hin zur Kurzzeitmiete für Fahrrad, Roller oder Carsharing. Das ist in einigen Ländern bereits selbstverständlich. In den Niederlanden können Fahrgäste über eine Karte praktisch jedes Verkehrsangebot im ganzen Land nutzen. In Deutschland galt das bislang als ferner Wunschtraum.

Integrierte Plattformen, die Angebote mehrerer Betreiber bündeln, gibt es bisher nur mit stark regionalem Fokus und daher mit begrenzter Reichweite. 16 Bundesländer, unzählige Verkehrsverbünde und ein kaum überschaubares Angebot privater Sharing- und Ridehailing-Dienste bilden ein imposantes Gegenstück zu Kundenfreundlichkeit und Übersichtlichkeit.

Das soll sich nun ändern. Im März soll die App Mobility Inside in den App Stores zum Download bereitstehen. Sie soll genau diese Lücke schließen: Durchgehende Fahrplanauskünfte vom Fern- bis zum Nahverkehr, Reiseplanung unter Berücksichtigung von Sharing-Optionen sowie die Möglichkeit, all diese Dienste direkt in der App zu bezahlen.

Diese Verkehrsunternehmen machen mit

Im ersten Schritt beteiligen sich an Mobility Inside neben dem Nah- und Fernverkehr der Deutschen Bahn der Rhein-Main-Verkehrsverbund, der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund, der Verkehrsverbund Rhein-Neckar, der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr und der Mitteldeutsche Verkehrsverbund. Mit weiteren Anbietern wurde bereits Einigung erzielt. So folgen im Jahr 2022 nach Angaben des App-Anbieters der Verkehrsverbund Großraum Nürnberg, der Landestarif Schleswig-Holstein, der Nordhessische Verkehrsverbund, die Bentheimer Eisenbahn und der Karlsruher Verkehrsverbund. Auch die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft gehört zu den Unternehmen, die sich an der App beteiligen.

Mit diesen Verkehrsträgern erreicht Mobility Inside nach eigenen Angaben rund 40 Prozent der deutschen Bevölkerung, darunter das Ruhrgebiet, das komplette Bundesland Hessen und weitere wichtige Ballungsräume wie die Rhein-Neckar-Region und München. Weitere Verkehrsanbieter sollen folgen, so Jörg Puzicha, Geschäftsführer der Mobility inside Holding.

Verkehrsunternehmen stellen Infrastruktur

Die Holding wird getragen von den Verkehrsverbünden, die auch ihre technische Infrastruktur bereitstellen. So berechnen die Stadtwerke München die Routen, während der Rhein-Main-Verkehrsverbund die Technik zur Abrechnung und Kartenausgabe beisteuert. Viele Verkehrsverbünde verfügen bereits über eigene Apps. Die will Mobility inside per Schnittstelle anbinden. Das erspart den Kund*innen die Gewöhnung an eine neue App: Verkehrsunternehmen können ihre eigenen Logos und Designs beibehalten und ihr digitales Angebot um die Angebote der anderen Teilnehmerbetriebe erweitern. Der Schnittstellenansatz erlaubt es außerdem, weitere Verkehrsverbünde schnell anzuschließen.

Der gute alte Fahrkartenautomat: Oft nicht so gut, wenn man sich nicht auskennt [Bildquelle: picture alliance / Eibner-Pressefoto | Dennis Duddek]

Digitalisierung selbst kontrollieren

Mobility inside sieht sich als Mobilitäts-Plattform „aus der Branche für die Branche“. Die Betreiber wollen mit dem Angebot die Digitalisierung ihrer Angebote „selbst gestalten“ und damit verhindern, dass private Plattform-Anbieter diesen Markt besetzen. Als abschreckendes Beispiel dient den Initiatoren dabei die Hotellerie, die heute vollständig von privaten Buchungsportalen abhängig ist. Auch in der Mobilität ist es ein Wettlauf: Autohersteller wie Daimler (moovel, heute Reach now) oder Peugeot (Free2Move) haben oder hatten ebenfalls großes Interesse an einer leistungsstarken Plattform für multimodale Verkehrsangebote. Das gleiche gilt für oder finanzstarke Start-ups wie Uber oder Lyft.

Mobility inside: Eine gute Idee?

Eine integrierte Lösung zum einfachen Reisen mit öffentlichen Angeboten, das ist in Deutschland überfällig. Wer allerdings auf die deutschen Verkehrsträger schaut, stellt fest: An Apps zur Ticketbuchung mangelt es im Grunde nicht. Die Verknüpfung von Bahn-Fernverkehr, Schienenpersonennahverkehr, ÖPNV und Sharing-Diensten in einem Angebot ist ein guter Schritt. Der aber erst dann seine volle Wucht entfaltet, wenn er die Nutzung des öffentlichen Verkehrs in all seinen Spielarten so einfach wie möglich macht. Niemand hat Freude daran, im Tarifsystem einer fremden Region die günstigste Ticket-Variante zu ermitteln. Oder die Preise und Fahrpläne privater und öffentlicher Anbieter zu vergleichen. Die meisten Fahrgäste wollen einfach nur ihr Ziel erreichen – gern möglichst günstig.

Wie das gehen kann, demonstrieren die Niederlande mit der OV-chipkaart. Fahrgäste checken mit der Karte digital an jedem genutzten Verkehrsmittel ein und aus. Der Betreiber ermittelt die angefallenen Kosten und stellt diese in Rechnung. Im Hintergrund existieren dennoch verschiedenste Tarife (Kilometertarif, Abonnement, teilweise Einzelfahrten), um die sich der Fahrgast kümmern kann, um Geld zu sparen – aber nicht muss, um Bus und Bahn zu nutzen. Es existiert auch eine aufladbare, anonyme Variante. Ähnliche Systeme existieren in der Schweiz, in Großbritannien, Singapur oder Japan. In Deutschland lebe der öffentliche Verkehr noch immer „in der Steinzeit„, konstatierte im vergangenen Jahr der Mobilitätsexperte Andreas Knie vom Wissenschafts-Zentrum Berlin. Mobility inside könnte ein Durchbruch auf dem Weg in die Gegenwart werden.

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