Mercedes Sustaineer: Dieser eSprinter macht sauber

Die Technikstudie Mercedes Sustaineer saugt Feinstaub auf und lädt mit Sonnenenergie. Sie soll einen Ausblick auf den Lieferverkehr von morgen liefern.

Redaktion
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Der neue Mercedes-Benz SUSTAINEERThe new Mercedes-Benz SUSTAINEER
Der Sustaineer vereint eine ganze Reihe technischer Innovationen für den innerstädtischen Lieferverkehr [Quelle: Mercedes]

Kameraspiegel, Feinstaubfilter, Speed Delivery Door – Mercedes hat in der Innovationskiste gekramt und möglichst viel herausgeholt, was den innerstädtischen Lieferverkehr sauberer, effizienter und ergonomischer gestalten kann. Gebündelt sind all diese Entwicklungen nun in der Studie Mercedes Sustaineer. Als Technologieträger dient ein vollelektrischer Transporter auf Basis des Mercedes Benz eSprinter. Die Ideen der Ingenieure sollen Wege aufzeigen, wie der Lieferverkehr Ressourcen schonen, das Klima schützen und Gesundheit und Sicherheit der Fahrer*Innen weniger gefährden kann. Denn wie viel motorisierter Individualverkehr auch künftig in den Städten ersetzt werden kann – Transporter der KEP-Branche wird es weiterhin geben müssen. Egal, ob sie Offline-Läden oder homeshoppende Endkunden beliefern.

Höhere Reichweite durch Solar-Zellen

Vor diesem Hintergrund sind viele der Technologien, die Mercedes seinem Van verordnet, nicht revolutionär – können aber in Summe die Nachhaltigkeit des Lieferverkehrs durchaus verbessern. Zum Beispiel mit selbst erzeugtem Ökostrom: Auf dem Dach des Sustaineer installiert Mercedes auf einer Fläche von 4,8 Quadratmetern Solar-Module. Sie erhöhen die Reichweite des eSprinter. Die Module sind daueraktiv, erzeugen also auch Strom, wenn die Zündung ausgeschaltet ist. Je nach geographischer Lage und unter „sehr guten Bedingungen“ – also viel Sonnenschein, soll das bis zu 2.500 Extra-Kilometer pro Jahr ergeben. Der Strom dafür entsteht nur über die Solarzellen. Da die Batterie des Fahrzeugs über die Module auch im Stand geladen wird, rechnet Mercedes im Betrieb mit 23 entfallenden Ladestopps pro Jahr.

Feinstaubfilter an Front und Unterboden

Elektroautos haben ein direktes Emissionsproblem: Die größte Belastung durch Feinstaub erzeugen nicht Motoren, sondern durch Fahrzeuge aufgewirbelter Staub sowie Brems- und Reifenabrieb – nebst Heizungen in Gebäuden. Daher forschen Zulieferer längst an Bremsstaub-Filtern. Mercedes installiert einen Feinstaubfilter an der Front und einen weiteren am Unterboden des Mercedes Sustaineer. Sie sollen den Feinstaub des eSprinters filtern, nehmen aber auch Feinstaub anderer Fahrzeuge bzw. Emittenten aus der Umgebungsluft auf. Der Filter am Unterboden sitzt an der Hinterachse – hier entsteht die höchste „hausgemachte“ Feinstaubkonzentration im Fahrzeugumfeld.

Der zweite Filter im Frontmodul des Fahrzeugs dient zum Auffangen von Feinstaub aus der Luft. Er arbeitet auch, wenn das Fahrzeug etwa an der Ladesäule steht. Zudem misst das System die Feinstaubkonzentration der Luft, dient so also als mobile Messstation. Frontmodul- und Unterbodenfilter gemeinsam reduzieren die Feinstaubemissionen im direkten Fahrzeugumfeld um über 50 Prozent – 35 Prozent beim Ladevorgang und 15 Prozent im Fahrbetrieb.

Körpernahe Heizung für mehr Reichweite

Eine Lieferwagen im Winter energieeffizient zu heizen, ist gar nicht so einfach. Die Kabine ist relativ groß, zudem wird die Tür ständig geöffnet und geschlossen. Mercedes versucht es im Sustaineer über eine „körpernahe Heizung“. So beheizen die Ingenieure im Lieferwagen der Zukunft neben dem Lenkrad auch den Gurt. Weiter heizt die Klimaanlage nicht den gesamten Innenraum des Fahrzeugs, sondern nur den Raum um den Fahrer. Mercedes verspricht sich von den Maßnahmen weniger Energieverbrauch und damit mehr Strom für Reichweite.

Recycling-Materialien

Auch, wenn Transporter in der Regel lange genutzt und nur selten weggeworfen werden: Über Recycling und geschlossene Materialkreisläufe lässt sich die Umwelt- und Klimabilanz deutlich verbessern, zudem sind wiedergewonnene Rohstoffe oft günstiger als neu abgebaute oder erzeugte. Um Ressourcen zu sparen, nutzt Mercedes daher an einigen Stellen Recyclingmaterialien. Dazu kommt Recyclingmaterial des israelischen Start-ups UBQ zum Einsatz. Die Unterbodenverkleidung des Sustaineer etwa besteht aus recyceltem Polypropylen, Altreifen und dem Füllstoff UBQ.

Zur Herstellung des UBQ-Kunststoffs werden alle Arten von Hausmüll verwendet – von Lebensmittel- und Gartenabfällen über Windeln, Papier und Karton bis hin zu Mischkunststoffen. Das Lenkrad besteht aus einem Biokunststoff. Im Laderaum kommen natürliche Stoffe zum Einsatz. Die Wände des Laderaums sowie die Trennwand zwischen Fahrerhaus und Laderaum bestehen beispielsweise aus Strohplatten. Sie sind wasserfest beschichtet und laut Mercedes „nur schwer entflammbar“. Die verwendeten Holzelemente im Fahrzeug sind zudem FSC-zertifiziert.

Die Speed Delivery Door

Eine spezielle Türkonstruktion soll dem Fahrenden außerdem den Ausstieg einfacher und sicher gestalten. Steht er auf und geht in den Laderaum, erkennen dies Sensoren. Die Tür entriegelt und öffnet sich daraufhin automatisch. Zudem ist die Tür von innen durchsichtig. Der Mitarbeitende hat dadurch vor dem Ausstieg Einsicht auf den Fuß- und Radweg. Zusätzlich befindet sich an der Tür ein Monitor, der ein Bild der kamerabasierten Rückspiegel wiedergibt. Das dient der Sicherheit sowohl des Mitarbeitenden als auch der Verkehrsteilnehmer*innen.

Konkrete Starttermine für den Serieneinsatz der jeweiligen  Technologien nennt Mercedes noch nicht. Viele Lösungen stünden kurz vor der Serienreife, so der Hersteller. Sie sollen daher spätestens in den nächsten Modellgenerationen Einzug halten.

Eine durchsichtige Lieferwagentür ist zu sehen
Die Paketbot*Innen können von innen durch die Tür schauen [Quelle: Mercedes]

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