Kann man Pflanzenöl statt Diesel tanken?

Was passiert, wenn ein Diesel Pflanzenöl, Salatöl oder Heizöl tankt? Es ist technisch machbar und finanziell reizvoll – aber schädlich für das Auto. Wir sagen, warum.

Fabian Hoberg
Fabian Hoberg
Pflanzelöl im Diesel: Geht das oder sollte man es lieber sein lassen? [Bildquelle: picture-alliance/ dpa | Bodo Marks]

Eine Folge des Krieges in der Ukraine spüren Autofahrer seit einigen Tagen weltweit sehr deutlich: Der Spritpreis steigt innerhalb kurzer Zeit stark an. In Deutschland kostete der Liter Diesel am 14. März durchschnittlich 2,30 Euro. Der üblicherweise günstige Kraftstoff ist sogar zehn Cent teurer als ein Liter Superbenzin.

Manche Autofahrer schauen sich deshalb nach Alternativen zum Sprit an der Tankstelle um. Theoretisch gibt es die: Opa hat ja früher in seinen 200er-Benz-Diesel normales Heizöl gekippt. Und zum Thema Pflanzenöl (umgangssprachlich: Pöl) im Selbstzünder gibt es ganze Internetforen. Was spricht also dagegen, in einen aktuellen Diesel, zum Beispiel einen Golf TDI oder einen BMW 320d, Pflanzenöl, Salatöl oder Heizöl zu füllen?

Pflanzenöl im modernen Diesel: Schäden am Einspritzsystem

So viel sei an dieser Stelle schon gesagt: Eine ganze Menge. Obwohl es sich theoretisch zu lohnen scheint. Denn Rapsöl kostet im Supermarkt im Normalfall zwischen 1,50 und 1,80 Euro pro Liter, also deutlich weniger als ein Liter Dieselkraftstoff. Heizöl liegt, je nach Abnahmemenge, bei rund 1,50 Euro für die gleiche Menge. Kann Geiz wirklich so geil sein?

Nein, denn: Pflanzen- und Heizöl eignen sich nicht für moderne Motoren. Bei alten Dieseln mit Verteiler-oder Reiheneinspritzpumpen, mit Vorkammer- oder Wirbelkammer-Verfahren, die mit niedrigen Einspritzdrücken arbeiten, hat das noch funktioniert. Vorausgesetzt, sie sind für einen dauerhaften Betrieb aufwendig umgerüstet. Für einen einwandfreien Motorlauf benötigen sie andere Glühkerzen, Einspritzdüsen, ein Kraftstoffvorwärmsystem für den Startvorgang, zusätzliche Filter und andere Leitungen.

Aktuelle Motoren mit ihren komplizierten Einspritzdüsen, die mit einem Druck von mehreren 1.000 bar den Kraftstoff fein in die Brennkammer stäuben, können Pflanzenöl nicht verarbeiten. Schon die Kraftstoffpumpen vertragen sich nicht mit Pflanzenöl. Theoretisch lässt sich zwar auch ein moderner Diesel auf Pflanzenöl-Sprit umrüsten. Aber das wäre so aufwendig und teuer, dass es sich wohl nie amortisiert.

So macht Pflanzenöl Motoren kaputt

Die Pflanzenöl- und Heizöl-Unverträglichkeit heutiger Selbstzünder hat zum großen Teil mit der Viskosität, also der Fließeigenschaften des Pflanzenöls, zu tun. Genauer: mit der Selbstschmierung der Bauteile. Dieselkraftstoff verbrennt im Zylinder, schmiert aber gleichzeitig die Komponenten des inneren Einspritzsystems.

Diese meist auf einhundertstel Millimeter fein aufeinander abgestimmten Bauteile benötigen diesen Schmierstoff. Pflanzenöl kann den nicht bieten, da es zähflüssiger und zudem zündunwilliger als Diesel ist. Die Folge: unrunder Motorlauf, weniger Leistung und ein hoher Verschleiß des Einspritzsystems. Es wird beim Betrieb mit Pflanzenöl kaputt gehen, eher früher als später.

Zudem setzen sich Kraftstofffilter und Siebe zu, die Leitung kann verstopfen. Dringt unverbranntes Pflanzenöl an den Kolben vorbei ins Motoröl, kann die Viskosität des Motoröls zusammenbrechen und die Schmiereigenschaft zerstören. Hier drohen Schäden an Lagern und anderen Bauteilen.

Teurer Sprit: Preistafel einer Tankstelle, aufgenommen am 15.3.2022 [Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotopress | Sebastian Gabsch]

Saure Bestandteile im Pflanzenöl können zudem Dichtungen im Motor und am Kraftstoffsystem angreifen und diese mit der Zeit zerstören. Gleich auf dem Parkplatz des Supermarkts literweise Pflanzenöl in den Tank schütten, ist außerdem wenig ratsam. Denn es ist ein Lebensmittel und sollte auch dafür verwendet werden. Pflanzenöl im Supermarkt wird zudem knapper: Laut Statistischem Bundesamt exportierte die Ukraine 2020 rund 6,9 Millionen Tonnen Sonnenblumenöl – 44 Prozent der weltweiten Exportmenge. Die Russische Föderation exportierte im gleichen Jahr 3,2 Millionen Tonnen und liegt damit auf Platz zwei. Diese beiden Staaten werden in nächster Zeit eher kein Pflanzenöl exportieren. Wer Pflanzenöl aus dem Supermarkt tankt, der verknappt wissentlich Lebensmittel.

Steuerhinterziehung: Versteuerung von Pflanzenöl und Heizöl

Neben den technischen und moralischen Bedenken kommt noch ein fiskalischer Grund hinzu: Steuerhinterziehung. Seit Januar 2008 wird Pflanzenöl als Kraftstoff gemäß Energie StG besteuert. Sobald Pflanzenöl als Kraftstoff benutzt wird, tritt die Energiesteuer in Kraft. Autofahrer sind dann verpflichtet, bei ihrem zuständigen Hauptzollamt eine Steueranmeldung abzugeben und den Steuerbetrag zu entrichten. Bei Pflanzenöl liegt der Steuersatz bei 45,03 Cent je Liter. Der normale Diesel wird mit 47,04 Cent je Liter besteuert. Allein dieser Verwaltungsakt ist nicht zu unterschätzen.

Bei Heizöl sind die Regeln noch strenger: Der Gesetzgeber verbietet wegen der zweckgebundenen Besteuerung den Einsatz von Heizöl im Auto. Um den Missbrauch zu verhindern, wird Heizöl rot eingefärbt. Es ist also leicht, Heizöl im Tank als solches zu erkennen. Selbst wer nicht erwischt wird, tut sich keinen Gefallen und schadet seinem Auto.

Pflanzenöl im Diesel: Kurzfristige Ersparnis, langfristige Schäden

Moderne Dieselmotoren vertragen kein Heizöl, auch wenn die chemische Zusammensetzung der von Diesel und Heizöl miteinander verwandt ist. Heizöl ist zündunwilliger als Diesel (schlechtere Cetanzahl) und verbrennt zum Teil unvollständig im Zylinder. Es kann ein Zündverzug entstehen. Dieselfahrer merken das an lautem Nageln, unrundem Motorlauf und geringerer Motorleistung. Dazu kommen rußende und deutlich sichtbare Abgase und eine stärkere Verschmutzung des Motors.

Wie bei Pflanzenöl liegt auch beim Heizöl die Schmierfähigkeit niedriger als beim Dieselkraftstoff. Einspritzpumpe und Einspritzdüsen werden nur unzureichend geschmiert und verschleißen schneller, Einspritzpumpen können den dickflüssigeren Kraftstoff nicht mehr fein genug zerstäuben. Auch Kraftstofffilter, Siebe und Leitungen vertragen kein Heizöl und setzen sich schnell zu.

Wer also mit Pflanzen- oder Heizöl seinen Diesel betankt, spart nur für einen kurzen Augenblick. Langfristig schaden die anderen Kraftstoffe dem Motor. Hersteller geben keine Garantie oder Gewährleistung auf Motoren und Einspritzsysteme, wenn das Fahrzeug vorher mit Pflanzen- oder Heizöl getankt wurde. Bei Pflanzenöl kommt noch die moralische Komponente hinzu: Lebensmittel sollte gegessen und nicht getankt werden.

Legal Pflanzenöl tanken: Pöl-Tankstellen

Trotz aller Gefahren und Bedenken existiert ein Markt für Pflanzenöl als Kraftstoff. Voraussetzung für einen schadfreien Betrieb sind die oben erwähnten Umbauten am Auto, die sich vor allem bei alten Fahrzeugen lohnen. Für sie kosten solche Umrüstungen etwa 300 bis 400 Euro.

Sogenannte Pflanzenöl-Kraftstoffe gibt es, bereits entsprechend versteuert, an wenigen Tankstellen. Meist bestehen die Kraftstoffe aus Rapsöl. Und sie besitzen einige Vorzüge: Sie stoßen nur halb so viele Rußpartikel wie Diesel und keine Schwefeloxide (SOx) aus. Nach der Verbrennung emittieren sie so viel CO2, wie die Pflanzen bei ihrem Wachstum aufgenommen haben. Es handelt sich also prinzipiell einen validen alternativen Kraftstoff. Dennoch steht er in der Kritik. Denn wenn Rapsfelder Kraftstoffe produzieren, können auf ihnen keine Nahrungsmittel wachsen.

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