Move. Love. Learn. Repeat.

Stellen wir in der Mobilitätsdebatte die richtigen Fragen, oder interessieren wir uns mehr für Fahrzeuge als für Menschen und ihre Mobilität? Ein Gastbeitrag von Johannes P. Reimann

Johannes P. Reimann
Mobilität bezeichnet unser Potenzial, selbstbestimmt eine Bewegung ausführen, um unseren Standort zu ändern [Bildquelle: picture alliance/SvenSimon]

Der Diplom-Geograph und Mobilitätsexperte Johannes P. Reimann plant für den Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr, entwickelt Kommunikationskampagnen für den Umweltverbund und für Elektromobilität und forscht selbst zur Frage, welche Faktoren den Menschen in seiner Fortbewegung tatsächlich beeinflussen. Über die Debatte um die Mobilität der Zukunft wundert er sich regelmäßig. Denn sie konzentriert sich auf kostenträchtige Addons, also Fahrzeuge oder Services. Dabei verschweigt sie meist die zwei mächtigsten Mobility Devices, über die beinahe jeder Mensch schon ab Werk und ganz ohne Gebühren verfügt: das Gehirn und die Hüfte.

 Wir kennen das alle: Die Diskussion über die Mobilität der Zukunft gerät ganz schnell entweder zur ideologischen Abrechnung mit einzelnen Verkehrsmitteln. Oder sie pendelt sich auf Friedensverhandlungen zwischen den um Geld, Fläche und Bedeutung konkurrierenden Systemen ein. Das endet oft in der ebenso romantischen wie unrealistischen Parole „Anreize zum Umstieg, aber keine Verbote“. Manche Ideen wirken geradezu grotesk, etwa die Forderung, die Summe aller täglichen Wege auf alle Verkehrsmittel gleich zu verteilen. Als ob einem Verkehrsmittel persönliche Rechte zustünden, etwa auf Gleichbehandlung.

Eine kleine Geschichte der Seescheide

Dabei bedeutet Mobilität eigentlich etwas ganz Anderes. Mit dem Begriff bezeichnen wir Menschen unser Potenzial, selbstbestimmt und aus eigener Kraft eine Bewegung auszuführen, und zwar — im Gegensatz beispielsweise zum Tanz oder für sportliche Leistungen — zu dem Zweck, unseren Standort zu verändern. Im Laufe der Evolution haben wir den passenden Apparat für diese Aufgabe nicht nur entwickelt, sondern auch verfeinert: unser Gehirn. „We have a brain for one reason and one reason only“, stellt beispielsweise der britische Arzt, Neurobiologe und Ingenieur Professor Daniel Wolpert in einem TED-Vortrag fest, „and that’s to produce adaptable and complex movements.“ (1)

Als mahnendes Beispiel gilt ein Meeresbewohner namens Seescheide. Während sie als Jungtier ihre Schwimmbewegungen auf der Suche nach Nahrung mithilfe eines zentralen Nervensystems aktiv steuert, setzt sie sich mit fortschreitendem Alter am Meeresboden fest. Sie vertilgt ihr eigenes Gehirn und bewegt sich niemals wieder fort. Der Umkehrschluss alarmiert — bislang leider nur — die Gesundheitsforschung: „Der Mangel an Bewegung kann vielfältige geistige Erkrankungen zur Folge haben“, heißt es in einem großen SPIEGEL-Report. (2) Die britische Hirnforscherin Professorin Susan Greenfield formuliert daraus eine Faustregel, die eigentlich in keiner Mobilitäts-Debatte fehlen darf: „Thinking is moving, confined to the brain.“ (3) So, wie wir uns bewegen, so denken wir auch.

Homo Movens

Hirn und Hüfte machen uns Menschen also überhaupt erst zu raumzeitlichen Wesen. Erst aus unserem körperlichen Bewegungsvermögen resultieren, sagt der Neurologe Professor Peter Thier: „Sprache, Erinnerungsvermögen, ein Konzept von Vergangenheit und Zukunft, die Fähigkeit, Selbst und Nicht-Selbst zu unterscheiden und mit anderen zu interagieren, kurzum, all das, was menschliche Persönlichkeiten mit ihren Fähigkeiten und Eigenarten definiert“. (4) Dazu gehört die Art und Weise, wie wir uns die Welt aneignen. Kaum eine Illustration veranschaulicht das so eindrucksvoll wie die Kinderzeichnung vom Schulweg: Während zu Fuß gehende oder Rad fahrende Schulkinder einen bunten, an Personen und Elementen reichen Weg malen, bringen die Opfer von Elterntaxis lediglich ihr Wohnhaus, die Schule und dazwischen einen öden Streifen grauen Asphalts auf das Papier. So geschehen in einem Projekt des Schweizer Erziehungswissenschaftlers Dr. Marco Hüttenmoser. (5)

Sogar auf unsere Fähigkeit zu lernen nimmt unsere körperliche Bewegung starken Einfluss. „Der enge Zusammenhang von Lernen und Bewegung lässt sich empirisch bestätigen.“, schreibt beispielsweise das Institut für Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. „Neurowissenschaftliche und kognitionspsychologische Studien zeigen, dass dabei so genannte exekutive Funktionen eine zentrale Rolle spielen. Unter dem Begriff der exekutiven Funktionen werden kognitive Prozesse subsumiert, die als übergeordnete Kontrollinstanz unser Handeln in komplexen oder neuartigen Situationen steuern. Ihre Relevanz für (schulische) Lernprozesse ist unbestritten.“ (6)

Auf diese Weise entstehen Städte, die einem permanent zuraunen: ‚Geh nach Hause, mein Freund, so schnell du kannst, und schließ die Tür hinter dir.‘

Jan Gehl

Ich nenne es Transport

Jedes Vorhaben, jede Idee und jedes Geschäftsmodell in Sachen Mobilität müssten wir deshalb danach bewerten, ob sie das Potenzial des Menschen zur selbsttätigen Bewegung vergrößern — oder eben nicht. Um eine Situation aus dem Alltag als Metapher zu gebrauchen: In welchem Maße ich zwischen den Supermarkt-Regalen hin- und herwechseln, verschiedene Produkte ergreifen und in Augenschein nehmen, mich anders entscheiden, mich vor- und zurückbewegen, zur gegenüberliegenden Seite wechseln, abbiegen oder umkehren kann, bestimmt meine Mobilität. Sie sogenannte Fachwelt zerbricht sich stattdessen meist den Kopf darüber, wie viele Discounter-Mitarbeiter pro Zeiteinheit ihren möglichst voll beladenen Palettenwagen durch die engen Gassen geschoben bekommen — also wie viele Fahrzeuge pro Zeiteinheit durch einen bestimmten Straßenquerschnitt passen. Das erfüllt zwar irgendwelche Produktivitätsvorgaben. Mich als Kunde schränkt das in meiner Bewegungsfreiheit aber massiv ein.

Draußen gilt dasselbe wie drinnen: So zeigte der US-amerikanische Stadtplaner Donald Appleyard in seinem Buch ‚Liveable Streets‘ schon 1981, dass Menschen, die an vielbefahrenen Straßen wohnen, deutlich seltener soziale Kontakte knüpfen oder gar Freundschaften knüpfen. (7) Unsere Lebensräume sind auf minimale Mobilität getrimmt, aber auf maximalen Transport. Der dänische Star-Architekt Jan Gehl spricht davon, die Stadtplanung der vergangenen fünfzig Jahre habe die Menschen in einem Zustand permanenter Bewegungslosigkeit gehalten. „Gebäude, Straßen und Plätze werden immer größer. Jene, die sie benutzen, die sie schätzen und die sich in ihnen wohlfühlen sollen — also wir —, sind aber immer noch genauso klein wie seit eh und je. Auf diese Weise entstehen Städte, die einem permanent zuraunen: ‚Geh nach Hause, mein Freund, so schnell du kannst, und schließ die Tür hinter dir.‘“ (8) Während Jan Gehl noch lebt und sich weiter für Städte in menschlichem Tempo einsetzt, fiel Don Appleyard ironischerweise einem Verkehrsunfall zum Opfer: Während der Besichtigung eines Quartiers zu Planungszwecken fuhr ein Auto ihn tot. (9)

Unsere Lebensräume sind auf minimale Mobilität getrimmt, aber auf maximalen Transport [Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alberto Pezzali]

Hirn und Hüfte

Die öffentliche Diskussion stellt dagegen einseitig die schädliche Wirkung des motorisierten Verkehrs auf das Klima in den Mittelpunkt. Die lässt sich zwar im handlichen Maß des CO2-Ausstoßes fassen. Allerdings macht dies lediglich fünf Prozent der gesamten gesellschaftlichen Kosten des motorisierten Verkehrs aus. Lärmbelastung, Luftverschmutzung, Ressourcenverbrauch und Abfallerzeugung rangieren noch deutlich davor. (10) Noch gar keine Messungen oder Schätzungen liegen dazu vor, wie viele Menschen sich in ihrer eigenen Beweglichkeit von den immer mehr Ressourcen fordernden Transportsystemen auf unseren Straßen eingeschränkt und sich ihnen letztlich hilflos ausgeliefert sehen.

Die zunehmende Tendenz der meisten Expert:innen, nur noch und ausschließlich aus dem Blickwinkel des Geräts und nicht des Menschen zu denken und zu argumentieren, verdient deshalb einen äußerst kritischen Blick. Die menschliche Mobilität — sowohl die der Gegenwart als auch die der Zukunft — wächst nicht mit der Menge an Fahrzeugen oder Fahrten, sondern mit der Menge an Personen, die ihr Gehirn und ihre Hüfte zur Eigenbewegung erfolgreich einsetzen. Cogito ergo sum? Descartes mag nicht vollkommen falsch gelegen haben, aber nach dem heutigen Stand des Wissens sprang er zu kurz. Stattdessen müsste es heißen: ›Moveo ergo sum‹. Oder auch: Move, love, learn, repeat.

Quellen:

  • 1) https://www.youtube.com/watch?v=7s0CpRfyYp8
  • 2) https://www.spiegel.de/wissenschaft/faul-macht-dumm-a-d59cfb4d-0002-0001-0000-000056670328
  • 3) https://vimeo.com/33716283
  • 4) https://www.dasgehirn.info/entdecken/grosse-fragen/warum-sich-bewegung-und-geist-nur-zusammen-denken-lassen
  • 5) https://www.derstandard.de/story/2000055918774/elterntaxi-oder-zu-fuss-wie-kinder-die-welt-sehen
  • 6) https://www.uni-muenster.de/Sportwissenschaft/Didaktik/forschung/lernenundbewegung/index.html
  • 7) https://www.youtube.com/watch?v=ESgkcFbGiL8
  • 8) https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2014/genuss/die-menschen-in-bewegung-setzen
  • 9) https://oac.cdlib.org/view?docId=hb6z09p0jh&doc.view=frames&chunk.id=div00002&toc.depth=1&toc.id=
  • 10) https://spitzenkraft.berlin/es-geht-nicht-ums-klima-greta/

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