E-Bike Lieferzeiten: Wartezeit fürs Wunschrad

Brüchige Lieferketten, lange Wartezeiten: Auch die boomende Fahrradbranche leidet in der Krise. Immerhin: Der Handel hat für die Saison 2022 gelernt und vorgesorgt. Mit dem Wunschrad könnte es für manche Kunden dennoch nicht klappen.

Stefan Weißenborn

Stefan Weißenborn

Verkaufsgespräch Fahrrad
Der Fahrrad-Handel erreichte seinen Höhepunkt inmitten der Corona-Pandemie. Wegen des eingeschränkten Lieferverkehrs kam es zu Werkstoff-Engpässen [Bildquelle: Flyer Bikes | pd-f]

Der Rahmen soll blau sein, Größe M ist gewünscht und bitte der schicke gerade Lenker, der auf der Hersteller-Website zu sehen ist. Ach ja, wenn es noch mit dem tollen Ledersattel und der robusten Plattformpedale wie abgebildet klappen könnte? Angesichts der anhaltenden Einschränkungen in der Lieferlogistik, die lange Wartezeiten bei Bestellungen nach sich zieht, könnte man sagen: Schön, dass man noch träumen kann. Denn das Wunschfahrrad ist derzeit oft eine reine Wunschvorstellung und im Handel so nicht zu bekommen.

Aber die Lage ist gar nicht so schlimm für Fahrradkunden, beschwichtigt der Handel – vorausgesetzt, sie bringen Flexibilität und Kompromissbereitschaft bei der Auswahl des Fahrradmodells oder E-Bikes und dessen Ausstattung mit. Denn Ware ist vorhanden. Das Lageraufkommen im Handel sei „stellenweise erheblich“, sagt Uwe Wöll vom Verbund Service und Fahrrad (VSF) in Berlin. Anders sah das noch vor der Saison 2021 aus, als pandemiebedingte Werksschließungen, massiv gestörte Lieferketten und andere Lieferschwierigkeiten für gravierende Probleme sorgten. Die Branche sah sich mit Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 sogar noch vor einem Abgrund.

Lieferengpässe bei Bremsen, Ketten und Schaltung

Doch die Industrie erlebte nach dem Lockdown einen Boom, der ohne die Krise wohl noch deutlicher ausgefallen wäre. 2020 wurde laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) mit 5,04 Millionen verkauften Fahrrädern und Pedelecs ein „Rekordjahr“, 2021 war der Absatz mit 4,7 Millionen Einheiten in Deutschland ebenfalls „deutlich über dem Vor-Corona-Niveau.“ Auch die „zwischendurch verbreitete Wahrnehmung, Fahrräder seien ausverkauft“, habe ein noch besseres Abschneiden verhindert.

Das Fahrrad – nur eingebildet eine Mangelware? Natürlich nicht. Nach wie vor kämpft die Branche mit langen Lieferzeiten und schlechter Verfügbarkeit vor allem von Verschleißteilen wie Bremsen, Ketten oder Schaltungsteilen. Hinzu kommen neue Unsicherheiten für die Fahrradwirtschaft infolge des Krieges in der Ukraine.

Gerade bei E-Bikes und Pedelecs wirkt sich zudem die Halbleiterkrise auf die Lieferzeiten aus. Burkhard Stork, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Es fehlen nicht die Akkus, sondern die Chips für die Steuerung der Batterieladung und für die Displays.“ Zudem fehlten wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine Lkw-Fahrer.

Fabrik
Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine setzt den deutschen Stahlbeständen zu und demzufolge auch der Fahrrad-Industrie [Bildquelle: www.messingschlager.com | pd-f]

Doch während die Auswirkungen der geopolitischen Lage noch abzuwarten sind, hat die Branche aus der Pandemie gelernt. Der Handel hat aufgestockt wie selten zuvor. „Die Lieferanten produzieren was geht und liefern direkt aus“, sagt Uwe Wöll. Laut Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) haben 80 bis 90 Prozent der Fahrradhändler mehr E-Bikes und Fahrräder auf Lager als vergangenes Jahr. Das sind für Interessierte gute Voraussetzungen, an ein passendes Fahrrad zu kommen. Zumal sich die Nachfrage laut Wöll in der zweiten Jahreshälfte 2021 und Anfang 2022 etwas beruhigt hat.

Nur kann es eben mit der Wunschvorstellung unter Umständen nicht so ganz hinhauen. Und auch nicht mit den Katalogspezifikationen. So wie Modelle im Katalog oder auf Websites ausgestattet seien, stünden sie in vielen Fällen nicht im Laden, sagt Thomas Geisler vom industrienahen Pressedienst-Fahrrad (pd-f) in Göttingen: Beim Komponenten-Marktführer Shimano etwa seien manche Teile nicht erhältlich. Folglich finden sich im Geschäft an manchen Fahrradmodellen Schalt- oder Bremsgruppen anderer Hersteller, oder andere Shimano-Serien. Für hochwertige Sporträder seien teilweise Federgabeln kaum zu bekommen. Fehlt am E-Bike nur ein Teil, ist es erst einmal nicht verkaufbar.

Wer sich ein Custom-Bike individuell aufbaue, könne jedoch auf Teile vom alten Rad zurückgreifen. So lassen sich lange Lieferzeiten bei Kleinteilen überbrücken. Alle anderen müssen mit dem Vorlieb nehmen, was sie im Fahrradladen bekommen. Und der übliche Weg führt für die meisten Kunden immer noch in den Fahrradladen, wie aktuelle Zahlen zeigen. 

So kommst Du zum doch Wunschrad

Das größere Problem liegt woanders. Denn laut Uwe Wöll vom VSF war zwar “noch nie so viel Ware im Markt” wie aktuell. Doch die Verteilung sei ungleichmäßig und entspreche nicht immer dem Bedarf. „Dadurch gibt es für die Kunden nach wie vor Lücken in der Versorgung.“ Nicht selten kommt es vor, dass Kunden mit konkreten Modellwünschen in den Laden kommen, aber mit anderen Modellen zufriedengestellt werden müssen. Im Händlernetzwerk des VSF gibt es daher Bestrebungen unter den Mitgliedern, E-Bikes und Fahrräder verstärkt untereinander zu tauschen.

Um den persönlichen Vorstellungen beim Fahrradkauf möglichst nahe zu kommen, rät der Pressedienst-Fahrrad den Kunden, Fachhändler „in einem vernünftigen Umkreis um den eigenen Wohnort“ abzutelefonieren. Mit etwas Glück finde man so ein Modell, das der Hersteller auf der eigenen Website zwar schon nicht mehr im Bestand und als „nicht lieferbar“ markiert hat. In den Lagern des Fachhandels finde es sich aber noch.

Fahrrad Monteur
Bei einem serienmäßigen Fahrradmodell ohne besondere Ausstattung oder Wunschfarbe stehen die Chancen auf Erwerb höher [Bildquelle: Brose E-Bike | pd-f]

Um die Erfolgsaussichten stehe es umso besser, wenn man sich mit abweichender Ausstattung oder einer anderen als der Wunschfarbe zufriedengebe. So kann man mit etwas Glück mit einem passenden neuen Fahrrad vom Händlerhof nach Hause radeln, während die Lieferzeiten bei so manchem Wunschrad bei sechs bis zwölf Monaten liegen. Bei der Passform und Ergonomie und dem Anwendungsbereich, also dem pasenden Fahrradtyp für den geplanten Zweck, sollte man trotzdem keine Kompromisse machen.

Einer anderen Entwicklung sind Fahrradkunden indes fast machtlos ausgesetzt: den steigenden Preisen. Laut ZIV lag der durchschnittliche Verkaufspreis der Fahrräder 2021 bei 1395 Euro. Damit habe sich dieser Wert innerhalb eines Jahrzehnts fast verdreifacht – was sich zu einem guten Teil durch den stetig wachsenden Marktanteil der teureren Pedelecs und E-Bikes erklärt. Doch während der Pandemie gab es trotzdem teils saftige Preisaufschläge von nicht selten 25 Prozent bei einzelnen Modellen.

Das Vergleichsportal günstiger.de ermittelte bei Pedelecs und E-Bikes sogar noch krassere Anstiege: „Für das Jahr 2021 lagen die durchschnittlichen Angebotspreise (…) bei rund 3680 Euro, was einem Preisanstieg von 42 Prozent gegenüber 2019 entspricht“, heißt es in einer Mitteilung. Bei den Fahrrädern ohne Motor zeigt die Kurve nicht ganz so steil nach oben: Hier stiegen die Angebotspreise im gleichen Zeitraum um 15 Prozent auf durchschnittlich 610 Euro. Für Februar 2022 ermittelte das Portal allerdings bereits 660 Euro.

Zwei Fahrradfahrer
Produktionsteile für Fahrräder werden nun aus Europa bezogen. Somit wird das Angebot wieder steigen, die Preise jedoch auch [Bildquelle: www.ergonbike.com | pd-f]

Linderung fürs geplagte Portemonnaie ist nicht in Sicht: Die steigenden Energiepreise werden laut Uwe Wöll wieder zu Preissteigerungen in allen Bereichen führen. Stahl ein wichtiger Rohstoff für Fahrradrahmen, ist nach wie vor globale Mangelware. Preissteigernde Engpässe drohen laut pd-f auch bei Aluminium, zu dessen größten Produzenten Russland zählt. Ebenso im Speditionsgewerbe, das eine große Zahl ukrainischer Lkw-Fahrer einsetzt. Die Logistikkosten könnten auch steigen, weil die Luftfracht über Russland derzeit nicht mehr möglich ist und Umwege teuer sind.

Für Fahrradfahrende sind die Zukunftsaussichten aber nicht nur düster. „Die Lage wird sich in der zweiten Jahreshälfte beruhigen, sofern die Auswirkungen des Krieges nicht zunehmen“, schätzt Wöll. Arne Bischoff vom pd-f fügt hinzu: „Mittelfristig dürfte sich die Lage weiter entspannen, weil immer mehr Hersteller Teile der Produktion nach Europa holen und damit unabhängiger von globalen Lieferketten werden wollen.“

Dieses “Reshoring”, wie die Rückverlagerung von Produktionsstätten in der Ökonomie genannt wird, ist seit einigen Jahren im Gange. Rahmen beziehen die Fahrradhersteller nicht mehr nur fast ausschließlich aus Fernost, sondern auch aus Portugal, Polen oder Ungarn, wo Rahmenproduktionsstätten aufgebaut wurden.

Hersteller holen die Produktion nach Europa

Der US-Hersteller Cannondale hat jüngst neue Montagewerke in den USA und den Niederlanden eröffnet. Zudem griffen viele namhafte Hersteller jetzt auf die Angebote der europäischen Zulieferer zurück, sagt pd-f-Sprecher Geisler. Kleine Firmen wie die Fahrradmarke Sour Bicycles aus Dresden verlegen im Projekt Home Brew derzeit die gesamte Mountainbike-Rahmenproduktion nach Deutschland. Coboc, Hersteller von E-Bikes aus Heidelberg, verhandelt unter anderem mit einem deutschen Automobilzulieferer über eine automatisierte Rahmenproduktion. Die Fertigung einzelner Spritzgussteile hat Coboc bereits aus Taiwan zurückgeholt.

Die größten Pläne schmiedet derzeit aber Pon Bike: Im Januar wurde bekannt, dass der niederländische Fahrradgigant in Litauen eine Produktionsstätte bauen wird. Ab 2024 sollen dort bis zu 600.000 Fahrräder von Marken wie Focus, Gazelle, Kalkhoff oder Urban Arrow gefertigt werden. Bis die positiven Effekte des Reshorings im großen Stil greifen, dürfte es aber noch ein bisschen dauern.

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