Sieben grundverschiedene Neuheiten für das Fahrrad-Jahr 2022

Lieferschwierigkeiten setzen dem Fahrradmarkt weiter stark zu. Dennoch ist die Produktvielfalt groß wie nie. mobility.talk stellt sieben neue Modelle vor, die unterschiedlicher kaum sein könnten. 

Stefan Weißenborn

Stefan Weißenborn

Kompakt-Lastenrad Tern Quick Hau
Das Quick Haul wird von einem Bosch-Mittelmotor angetrieben. Kostenpunkt der Basisversion: Knapp 3000 Euro [Bildquelle: Tern]

Der Fahrrad-Boom ist 2022 ein Megatrend: Seit Jahren scheint es beim Absatz von Fahrrädern nur eine Richtung zu geben. Nach oben. Wer aber genau hinschaut, entnimmt den Markdaten des Zweirad-Industrie-Verbands eine gegenläufige Tendenz: So gibt es bei den Verkäufen eine Aufwärts- und eine Abwärtsbewegung zu verzeichnen.

Denn laut den jüngsten ZIV-Zahlen steigt der Absatz der Pedelecs, der Anteil lag 2021 bereits bei 43 Prozent. Fahrräder ohne E-Motor erfahren seit Jahren sinkende Beliebtheitswerte. Anders formuliert: Die Menschen steigen hierzulande immer öfter auf das Fahrrad – allerdings vor allem dann, wenn sie elektrischen Rückenwind bekommen.

Dennoch gibt es mittlerweile für viele Nischen und Anwendungsfälle passende Fahrräder – sei es für den Hundetransport, den Wochenendtrip über Stock und Stein oder alltägliche Bedürfnisse wie den Lastentransport oder den Weg zur Kita. Die Produktvielfalt ist riesig. Das zeigt die mobility.talk-Liste von sieben, ziemlich konträren Bike-Neuheiten für das Fahrradjahr 2022.

Zwerg aus Titan – Faltrad Brompton T-Line

Das britische Faltrad gibt es jetzt mit edlem Titanrahmen. Damit bringt die neueste Variante des Kultrades aus London nur noch 7,45 Kilo auf die Waage (Standardmodell: 11 kg) – und kann dennoch nach wie vor mit bis zu 110 Kilo belastet werden. In dreijähriger Entwicklungszeit überarbeitete Brompton Bicycle nach eigenen Angaben 150 Teile. Ans Rad gekommen sind Leichtbauteile aus Carbon, darunter Kurbelgarnitur, Lenker und Gabel. Brompton verspricht dadurch mehr Steifigkeit und eine verbesserte Kraftübertragung. Die Veredelung hat ihren Preis: Ab 4.360 Euro kostet die hierzulande anfangs nur online vertriebene T-Line, während die Preise für die C-Line aus Stahl bei 1000 Euro beginnen. Alle Brompton-Modelle lassen sich dank 3-Wege-Falttechnik bis zu einem Drittel ihrer Größe zusammenfalten und eignen sich zum Pendeln mit Zug oder ÖPNV. Dort können sie oft kostenfrei wie ein Gepäckstück mitgenommen werden.

Elektrisch, praktisch und wendig – Kompakt-Lastenrad Tern Quick Haul

Schneller Transport oder schnelle Beförderung – so heißt die Modellneuheit der taiwanesischen Marke Tern ins Deutsche übersetzt. Der Name ist Programm: Das Quick Haul ist dank 20-Zoll-Laufrädern und kurzem Rahmen wendig wie jedes andere Kompaktrad und passt vor allem in die Stadt. Dank spezieller Konstruktion kann es platzsparend vertikal abgestellt werden, aber auch ordentlich zuladen. Das Gesamtgewicht liegt bei 150 Kilo, das E-Bike selbst wiegt knapp 23 Kilo. Für den im Stil eines Mid-Tail-Lastenrades verlängerten Gepäckträger gibt es Anbauteile: Im „Clubhouse“ mit Sitzpolster und Reling können Passagiere bis zum Teenager-Alter mitfahren, in speziellen Boxen, Taschen und Körben Einkäufe oder auch Hunde. Für vorn gibt es ein Frontrack. An einer Kupplung können Anhänger für Lasten von bis zu 150 Kilo gezogen werden. Mit einem Speedlifter lässt sich das Bike auf Körpergrößen von 150 bis 195 Zentimeter einstellen. Das Quick Haul fährt stets mit Bosch-Mittelmotor und kostet in der Basisversion mit 400-Wh-Akku und Shimano Nexus 7-Gang-Nabenschaltung ab 2.999 Euro. Der Verkauf soll noch im zweiten Quartal 2022 beginnen.

Kompakt-Lastenrad Tern Quick Haul
Für das Quick Haul Lastenrad stellt Tern verschiedene Anbauteile zur Verfügung [Bildquelle: Tern]

Cheap in the City – E-Stadtrad NCM C7

Für 1.399 Euro soll das Citybike mit Hecknabenmotor im vierten Quartal auf den Markt kommen – preislich ein Statement angesichts augenscheinlicher Konkurrenzfahrräder, die unter 2000 Euro kaum zu bekommen sind. Dafür sucht man Bauteile von Bosch oder Shimano auch vergebens am vollausgestatteten Modell mit Beleuchtung, Gepäckträger und Schutzblechen. Die hydraulischen Scheibenbremsen kommen von der kaum bekannten China-Marke Gemma, auch der Heckmotor von Das Kit stammt aus Fernost, verfügt aber über einen Drehmomentsensor, der noch nicht bei allen Nabenmotoren Standard ist: Die Unterstützung erfolgt entsprechend der Trittkraft. Der Lithium-Ionen-Akku steckt im Unterrohr, lässt sich entnehmen, bietet 504 Wattstunden und soll für bis zu 120 Kilometer Reichweite sorgen. Mit 21 Kilo ist das C7, das der Hersteller als Vehikel für den urbanen Stadtalltag sieht, nicht sonderlich schwer. Vertrieben wird das Billig-City-Bike über den Fahrradhändler Leon Cycle aus Hannover, zu dessen Eigenmarken NCM zählt.

„Familiy Utility Bike“ – Winora F.U.B.

Die Marke aus Schweinfurt hat Tradition, doch Lastenräder waren bislang nicht im Programm. Das ändert sich mit der Modellfamilie F.U.B., das Kürzel steht für Family Utility Bike, es sollen Nutzfahrräder für die Familie sein. Bis zu vier Kinder können in der dreirädrigen Version mitfahren, aber auch als einspuriger Long John (im Bild) für mehr Fahrdynamik wurde das F.U.B. aufgelegt. Dafür ist der dreirädrige Aufbau mit zwei 20-Zoll-Rädern vorne und einem 26-Zoll-Rad hinten kippstabil. Die Cargo-Box ist aus schockabsorbierend Hartschaum mit Seitenaufprallschutz gefertigt und bei der Long John-Variante etwas kleiner. Das freigegebene Gesamtgewicht liegt bei 250 bzw. 200 Kilo. Zum Zuge kommt jeweils Boschs Lastenradmotor der Cargo Line mit bis zu 85 Newtonmeter (Nm) Drehmoment. Standardmäßig ist ein 500-Wh-Akku an Bord, eine Zweitbatterie kann angebracht werden. Beide Räder sind voraussichtlich ab Herbst 2022 erhältlich – das F.U.B. 3W ab 5.299 Euro und das F.U.B. 2W ab 4.999 Euro.

Smartes SUV-Bike – Riese & Müller Multicharger GT vario 750

Seit einigen Jahren geistern die SUV-Bikes in Anlehnung an die populäre gleichnamige Autogattung durch die Fahrradwelt. Der Vergleich hinkt etwas. Denn die Multifunktionsräder verstehen sich eher als Autoersatz, als dass sie den tonnenschweren Sport Utility Vehicles nacheifern. Das Multicharger von Riese & Müller mit straßentauglicher Vollausstattung im Sinne der StVZO kann den SUV-Bikes zugerechnet werden: Als einspuriges Fahrrad ist es nicht länger und fast so wendig wie ein normales Fahrrad, bietet aber jede Menge Zuladungsoptionen bis zu einem Gesamtgewicht von 175 Kilo. Dazu gibt es Zubehör von Cargotaschen bis zu Sitzen mit und ohne Rückenlehne, bis zu 65 Kilo schwere Personen dürfen hinten mitfahren. Der Frontgepäckträger ist serienmäßig. Als Motor ist der Bosch-Performance-Line-CX mit 85 Newtonmetern Drehmoment verbaut, als Akku zur Modellpflege für 2022 eine 750-Wh-Batterie; aufgerüstet werden kann per Dual-Battery-Option auf 1125 Wh. Display, Bedieneinheit und Drive Unit können per Bosch-App mit Over-the-Air-Updates auf dem neuesten Stand gehalten werden. Über einen optionalen Chip kann das Bike geortet oder mit dem Serviceportal des Herstellers vernetzt werden. Das Multicharger GT vario 750 kostet ab 5.499 Euro und ist als Mixte-Version (im Bild) auch mit abgesenktem Oberrohr erhältlich.

[Bildquelle: Leon Cycle]
Laut Hersteller-Angaben kann das E-Stadtrad bis zu 120 Kilometer elektrisch zurücklegen [Bildquelle: Leon Cycle]

Single-Speed im Tarnlook – Rose Sneak+

Kaum als Elektrofahrrad zu erkennen ist das erste Single-Speed-Bike der Bocholter Versandmarke Rose: Der Hecknabenmotor von Mahle (3,5 Kilo; 40 Nm) fällt ebenso wenig auf wie der Akku mit 250 Wattstunden im Unterrohr. Oder die Bedieneinheit – denn die besteht am Tarnbike aus nur einem Knopf auf dem Oberrohr. Hier wird das Bike zum Leben erweckt, auch die drei Unterstützungsstufen lassen sich über den LED-Button anwählen. Wer Angaben unter anderem zu Batteriezustand, Drehmoment, Reichweite und Geschwindigkeit ablesen möchte, muss die „Mahle ebikemotion“-App aufs Handy laden. Was das Eingang-Fahrrad im Fixie-Look von seinen minimalistischen Wettbewerbern unterscheidet, ist die integrierte Beleuchtung: In Lenker und Sattelstütze ist eine StVZO-konforme LED-Beleuchtung von Lightskin versteckt. Der Rahmen besteht aus Alu, die Gabel aus Carbon. Für dennoch veritablen Fahrkomfort sorgen die 47-Millimeter-Breitreifen. Das Sneak+ kostet ab 2.349 Euro, wiegt ab 14,6 Kilo und wird in drei Größen gebaut sowie in einer EQ-Ausführung mit Schutzblechen aufgelegt.

Gravelbike zum Einstiegspreis – Salsa Journeyer

Dank ihrer Vielseitigkeit genießen die All-Road-Bikes des US-Herstellers aus Minnesota einen gewissen Ruf in der Bike-Packing-Gemeinde. Das Journeyer macht da keinen Unterschied: Der Alu-Rahmen mit den innengeführten Leitungen lässt Platz für bis zu 55 Millimeter breite Profilreifen, wenn 650b-Laufräder montiert. Sind 28-Zoll-Räder an Bord (700c), passen noch 50-mm-Gummis. Wer das Mikroabanteuer sucht – typischerweise übers Wochenende, findet an Rahmen und Gabel viele Anbaupunkte für Bike-Packing-Taschen, Flaschen oder auch einen klassischen Gepäckträger fürs Heck. Scheibenbremsen sind an Gravelrädern, so auch dem Salsa, selbstverständlich. In sechs Größen mit Rahmenhöhen von 49 bis 60 Zentimeter wird das Journeyer gefertigt; wer den Rennlenker nicht möchte, erhält optional einen geraden Lenker. In Deutschland verfügbar ist das Bike mit Komponenten der Shimano-Gruppe Sora für ambitionierte Einsteiger (2×9-Antrieb) für 1.399 Euro sowie der Sram-Gruppe Apex 1 (2×11-Antrieb; 1699 Euro). Im Frühjahr 2023 soll das Basismodell mit Shimano-Altus-Komponenten für 999 Euro folgen.

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