Ratgeber: Das richtige Lastenrad finden

Welches ist das richtige Lastenrad, worauf kommt es an? Ein Lastenrad-Händler aus Mannheim gibt Einblicke.  

Roland Schmellenkamp

Roland Schmellenkamp

Der Handel mit Lastenrädern boomt in Deutschland. Da die Auswahl so vielfältig ist, sind vor dem Kauf einige Fakten zu prüfen [Bildquelle: Black Iron Horse]

Manchmal fragen mich Kund*innen: „Was ist das beste Lastenrad in Ihrem Angebot?“ Darauf kann ich keine Antwort geben. Es ist wie beim Auto: Je nach Platz, Geldbeutel, Bedürfnissen und Wegstrecken ist eine große Limousine, ein kompaktes Fahrzeug, ein Kleintransporter oder ein Sportwagen die beste Wahl. Verallgemeinern lässt sich das nicht.  

Bei Lastenrädern spielt zudem die Psychologie eine große Rolle: Manche, vor allem weibliche, Kund*innen entscheiden sich bereits vor (!) der ersten Lastenrad-Fahrt ihres Lebens für ein Modell mit drei Rädern. Sie halten dies für sicherer und wendiger als die Long John-Modelle, bei denen der Ladebereich zwischen Vorderrad und Lenker liegt. Ob das stimmt und was es beim Kauf eines Lastenrads sonst noch zu bedenken gibt, erfahren Sie in diesem Ratgeber. 

Lastenrad: Verschiedene Bauarten

Grundsätzlich empfehle ich vor dem Kauf eine ausgiebige Probefahrt, am besten mit Beladung und über einen Zeitraum von mehreren Tagen. Das Lastenrad muss Ihre persönlichen Bedürfnisse erfüllen und Sie müssen sich beim Fahren wohl fühlen! Und da – das weiß ich nach mehr als 200 Kund*innenbesuchen – kommen unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Rädern und Motorkonzepten unterschiedlich gut zurecht. Anbei ein Überblick über die gängigsten Modelle. 

Die verschiedenen Bauarten

Long John: Unhandlich, aber sicher und stabil

Die beliebteste Bauform bei den Käufern ist „Long John“: Viel Platz im Cargobereich, Kinder haben eine gute Sicht nach vorn und die Kommunikation mit ihnen funktioniert ebenfalls prima. Außerdem lässt sich bei einigen Rädern auch ein Adapter für eine Babyschale montieren. Manche Modelle haben Platz für drei oder gar vier Kinder. 90 Prozent meiner Kund*innen sind Familien mit kleinen Kindern. Ihnen sind solche Punkte besonders wichtig.  

Nachteil des Long John ist die Länge: 2,50 bis 2,80 Meter brauchen beim Parken und Rangieren viel Platz. Bei der Lenkung werden zwei Bauformen unterschieden: Die Übertragung vom Lenker zum Vorderrad mittels Stange oder mit Seilzügen. Mit letzteren kann das Vorderrad stärker gedreht werden. Das ist vor allem bei Rangieren ein Vorteil.  

Leider gibt es beim Gewicht der Lastenräder eine ähnliche Entwicklung wie beim Auto. Auch Lastenräder werden immer schwerer. Manche wiegen, ausgestattet mit Sitzen, Regenverdeck und Gepäckträger, mehr als 50 Kilogramm. Nur wenige Hersteller versuchen gegenzusteuern. Ein Beispiel dafür ist der Bremer Hersteller Velo Lab, deren „Karò“ mit Motor, Akku, Kinderbox und Sitz samt Gurten nur um die 30 Kilogramm wiegt.  

Zwar auch kein Leichtgewicht, aber dafür klein und wendig ist das Muli: Nur 1,95 Meter Länge und ein klappbarer Korb im Cargobereich ermöglichen es, das Rad sogar mit in den ICE zu nehmen oder auf Auto-Fahrradträgern zu transportieren. Der Cargobereich hat Platz für zwei nicht allzu große Kinder oder zwei Getränkekisten. 

Egal ob kurz oder lang, leicht oder schwer: Die Long Johns bieten für Kinder und Erwachsene verhältnismäßig viel Sicherheit. Der breite Kasten vorn bringt viele entgegenkommende Autofahrer dazu, ihr Tempo zu reduzieren. Die Boxen schützen die Kinder bei Stürzen meist gut. Die kleinen Passagiere prallen dann auch nicht sofort mit dem Kopf auf die Straße, die Box garantiert einen gewissen Abstand. Sie schützt auch Fahrer*innen davor, im Tretlagerbereich unter dem Rad eingeklemmt zu werden. Problematisch wird es für mitfahrende Kinder, wenn die Box aus Holz besteht und splittert – das kann je nach Heftigkeit des Unfalls passieren. Gurte sind bei fast allen Herstellern erhältlich, trotzdem sollten die Kinder Helme tragen. Auch, weil ihre Köpfe bei Long John-Modellen bei starken Lenkeinschlägen Kontakt mit den Bremsgriffen haben können.  

Pro

  • Kinder schauen gern nach vorn 
  • gute Kommunikation Eltern-Kind 
  • Montage von Babyschalen bei einigen Rädern möglich 
  • Kinder sind sicher untergebracht 
  • viel Platz für Waren 

Kontra

  • meist sehr lang und unhandlich 
Die Long John-Variante bietet einen guten Blick auf die Kinder [Bildquelle: Radkutsche]

Long Tail: Flottes Fahren, weniger gut für schwere Lasten

Das Long Tail wird immer beliebter: Es fährt sich fast wie ein normales Fahrrad und ist kürzer und leichter als ein Long John. Allerdings hat diese Bauform einige Nachteile: Während beim Long John Kinder oder Transportgut im Cargobereich den Schwerpunkt senken und die Räder sich mit Last sogar stabiler fahren lassen, ist es beim Long Tail umgekehrt: Der Schwerpunkt wandert nach oben. Die Balance zu halten, wird schwieriger, je schwerer die Ladung ist. Kommunikation mit den Kindern ist nur mündlich möglich, sie können nicht direkt nach vorn schauen und sind auch nicht so sicher unterwegs: Bei einem Sturz besteht die Gefahr, dass sie auf die Straße prallen. Weitere Nachteile für Kinder: Sie müssen alt genug sein, um stabil sitzen können. Beim Schlafen haben sie im Vergleich zu Long Johns kaum Seitenhalt.  

Sitzen Kinder im Cargobereich, ist der Transport von Einkäufen mangels Platz kaum noch möglich. Zwar bieten einige Hersteller zusätzlichen Stauraum an, aber insbesondere bei Getränkekisten wird es eng. 

Pro

  • Mit einem Long Tail ist man flott unterwegs 

 

Kontra

  • Sperrige Waren können schlecht untergebracht werden 
  • Die Sicherheit ist für Kinder geringer als beim Long John 
  • kein Sichtkontakt von Eltern zu Kindern 

Dreirad: Vorteile beim Anfahren

„Damit kann nicht umkippen!“ lautet die häufigste Antwort, wenn ich Kund*innen frage, wieso sie ein Dreirad haben möchten. Stimmt – aber nur, solange es steht. Während einspurige Räder bereits ab ungefähr 5 km/h stabil fahren, ist es beim Dreirad umgekehrt: Je schneller, desto instabiler. Wer fährt, muss bei Geschwindigkeiten jenseits der 15 km/h sehr konzentriert sein und ständig mit dem Lenker korrigieren. Hinzu kommt, dass Dreiräder in Kurven oder Schlaglöchern unvermittelt kippen können. Der Grenzbereich ist kaum zu spüren. Wenn das Rad erstmal kippt, lässt sich das nur mit viel Glück aufhalten.  

Ein weiterer Nachteil von Dreirädern: Sie fahren in drei Spuren. Egal ob Schlagloch, Scherbe oder ein von einer Baumwurzel hochgedrückter Pflasterstein: Mit einem Reifen erwischt man das Hindernis. Ich hatte schon viele Kund*innen, die die feste Absicht hatten, ein Dreirad zu kaufen und sich nach Testfahrten schließlich für ein einspuriges Lastenrad entschieden.  

Vorteile haben die Dreiräder im Stand und beim Anfahren, weil sie nicht mit dem eigenen Körpergewicht stabilisiert werden müssen. Das mögen insbesondere leichtgewichtige Fahrer*innen. Ein weiterer Vorteil: Sie sind kürzer und wendiger als Longs Johns. Platz bieten sie meist reichlich.  

Die meisten Dreiräder haben eine „Drehschemel-Lenkung“: Der Cargobereich vorn schwenkt beim Lenken nach rechts und links. Ausnahme ist der dänische Hersteller Black Iron Horse. Bei dessen Modellen wird mit dem Hinterrad gelenkt, sie fahren sich sozusagen wie Gabelstapler. Egal ob vorn oder hinten: Beides ist ungewohnt, weil einspurige Räder stark mit Gewichtsverlagerung gelenkt werden. Bei Dreirädern funktioniert das kaum. 

Eine kleine Gruppe von Dreirädern verfügt über eine Neigetechnik, mit der man sich in die Kurve legen kann. Diese zusätzliche Technik muss gewartet werden und erhöht die Kosten – zumal diese Räder nur in kleinen Stückzahlen gefertigt werden. Außerdem verkleinert sie den Cargobereich. Bei starker Schräglage gerät die Neigetechnik schnell an ihre Grenzen. Achten Sie bei Probefahrten auf einen sanften Übergang in diesem Grenzbereich! 

Pro

  • stabiler nur im Stand 
  • relativ kurz 

Kontra

  • Dreiräder sind bei Geschwindigkeiten über 15 km/h kippanfällig 

  • Neigetechnik macht die Räder teurer und den Ladebereich kleiner 

  • Schlaglöchern und Scherben kann man kaum ausweichen 

Drei Räder dienen für mehr Stabilität in den Kurven [Bildquelle: Ginkgo Sblocs ]

Motor im Vorderrad, Hinterrad oder mittig?

Die ersten elektrischen Nachrüstmotoren für Fahrräder befanden sich im Vorderrad an der Nabe. Deshalb hat diese Position des Motors immer noch den Ruf einer „Bastellösung“. Doch die Vorteile lassen sich nicht wegwischen: Kaum Tretwiderstand, wenn ohne E-Unterstützung gefahren wird. Die günstigste Lösung ist es überdies. Nachteil: In Kurven kann bei Nässe das Vorderrad wegrutschen, wenn der Motor kräftig unterstützt. Da sollte man vorsichtig sein und an besten kurz mit dem Treten Pause machen, denn dann läuft der Motor nicht. 

Der Mittelmotor ist am weitesten verbreitet. Das wundert, denn er hat viele Nachteile: Der Verschleiß des Antriebs ist groß, weil sowohl die Kraft des Motors als auch die des Fahrers auf Kette und Ritzel wirken. Außerdem wird für jeden Motor eine andere Rahmenform benötigt. Das macht die Räder nicht zukunftssicher. Was ist, wenn der Hersteller in einigen Jahren Motoren mit anderer Aufhängung baut und für die alten keine Ersatzteile liefert? Sehr elegant hat der französische Hersteller Douze dieses Problem gelöst: Zwischen Motor und Rahmen sind Adapter befestigt, mit denen bei einer Rahmenform verschiedene Motoren integriert werden können. Super Idee! Viele Mittelmotoren geben leise Geräusche von sich und sorgen, wenn man sie nicht benutzt, für einen erheblichen Tretwiderstand. Es gibt allerdings zwei Gründe, wieso sie so beliebt sind: Sie lassen sich so einstellen, dass Schaltvorgänge sanft ablaufen. Auch die Abstimmung „Einsetzen der Unterstützung“ und „Stop der Unterstützung“ ist gut. 

Der Hinterradmotor schont den Antrieb, funktioniert nahezu lautlos und erleidet keinen Kraftverlust über die Schaltung und Kette. Sogar Rekuperation ist bei einigen Modellen möglich, also Energierückgewinnung. Das bietet der Neodrives Z20 der Firma Alber in zwei Stufen. Leider löst der Hersteller dies nicht so gut wie es bei bei E-Autos funktioniert, die beim Stop and Go in der Stadt die Batterien ständig wieder mit etwas „Saft“ versorgen. Beim Neodrives ist die Rekuperation für längere Abfahrten gedacht, dadurch hat man auch eine leichte „Motorbremse“. Nachteil der Hinterradmotoren: Der Einbau von Nabenschaltungen ist nicht möglich.

Pro

  • Mittelmotoren sprechen fein an 
  • Beide schonen den Antrieb 

Kontra

  • Hinterrad- und Vorderradmotoren sprechen meist nicht so fein an 
  • Bei Mittelmotoren wird der Antrieb stark belastet 

  • Bei Hinterradmotoren kann nur Kettenschaltung genutzt werden

Schaltung: Passend zum Motor wählen

Kund*innen können wählen zwischen Ketten– oder Nabenschaltung. Bei Kettenschaltungen gibt es einen größeren Übersetzungsbereich, der über verschiedene Ritzelgrößen individuell wählbar ist. Allerdings ist bei Mittelmotoren der Verschleiß groß. Viele Nabenschaltungen eignen sich für Mittelmotoren zudem nicht, weil sie bei den starken Kräften der Motoren schnell kaputt gehen. Ausnahmen: Die rund 1.000 Euro Aufpreis kostende Rohloff mit 14 Gängen und die Shimano Inter 5. Hier wird die Fünfgangschaltung elektronisch angesteuert. Sie harmoniert gut mit Shimano-Antrieben. Eine Besonderheit ist die Enviolo: Stufenlos und wartungsfrei (Ritzel und Kette müssen natürlich ab und zu gewechselt werden). Sie kostet meist 200 bis 500 Euro Aufpreis. Nachteil: Die Enviolo schluckt rund zehn Prozent Kraft, was aber beim Betrieb mit Motor kaum ins Gewicht fällt. Ohne Motorunterstützung wird das Trampeln jedoch schnell anstrengendAuch die Reichweite leidet bei der EnvioloNabenschaltungen lassen sich auch mit Riemen statt Kette einbauen. Der hält circa dreimal so lang wie eine Kette, kostet jedoch auch ungefähr den dreifachen Preis. Trotzdem empfehlenswert: Kein Öl an der Hose, wartungsarm und weniger Termine beim Fahrradhändler. 

Zu sehen ist Roland Schmellenkamp

Fazit:

Welches Lastenrad eignet sich für welchen Einsatzzweck? Wer mehr als zwei Kinder und dazu einen Einkauf oder schwere Güter transportieren möchte, sollte zu einem „Long John“ greifen. Sind die Kinder größer und ist der Warentransport nicht so wichtig, eignet sich auch ein Long Tail. Wer nur gemütlich unterwegs ist. ohne allzu abschüssige Wege, kann den Kauf eines Dreirads erwägen. 

Roland Schmellenkamp

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