Darum ist Rivian mehr wert als GM und Ford

Den größten Börsengang des Jahres legt das Elektroauto-Start-up Rivian hin. Woher kommt das große Vertrauen der Börse in den elektrischen Pick-up? 

Björn Tolksdorf

Björn Tolksdorf

Der Rivian-Börsengang am Technologie-Index NASDAQ hat einige Rekorde gebrochen [Bildquelle: Rivian]

Es war der Börsengang des Jahres: Der US-Autobauer Rivian hat die Phantasie der Anleger massiv beflügelt. Zeitweise schießt der Aktienkurs des Anbieters von Elektro-Pick-ups von ursprünglich 78 Dollar bis auf 172 Dollar hoch. Damit übertrifft der Wert des Unternehmens kurzzeitig sogar den von Volkswagen. Nach einigen Tagen der „Normalisierung“ kostet die Rivian-Aktie immer noch knapp 120 US-Dollar. Damit bleibt Rivian mit einer Marktkapitalisierung von 105 Milliarden Dollar wertvoller als die US-Autogiganten Ford (80 Mrd.) und General Motors (91 Mrd.).  

Ist das eine realistische Bewertung? Ford und GM verkaufen Jahr für Jahr Millionen Fahrzeuge. Rivian hat gerade einmal rund 300 Exemplare des Pick-ups R1T ausgeliefert. Rund 55.000 Vorbestellungen liegen vor, sagt Rivian. Die Antwort lautet vermutlich, wieder einmal: Tesla. Die Börse hofft auf ein zweites Elektroauto-Wunder, und auf eine ähnlich astronomische Wertwentwicklung. Auch große Player setzen auf Rivian: Amazon hält 20 Prozent der Aktien und bestellte bereits 100.000 Elektro-Lieferwagen bei Rivian. Eine Pleite ist da wohl weitgehend ausgeschlossen, die rund 12 Milliarden Dollar Emissionserlös können in den Aufbau der Produktion investiert werden. Ebenso in ein eigenes Schnelladenetz – auch das hat sich Rivian bei Tesla abgeschaut.  

Strom im wichtigsten US-Segment

Was Rivian sich nicht bei Tesla abschaut, ist das Segment. Wo Tesla mit Roadster, Limousinen und SUV in den Markt startete, setzt Rivian auf das in den USA mit Abstand wichtigste Segment: Den Pick-up, auch „Light Truck“ genannt. Der RT1 misst 5,51 Meter in der Länge und 1,99 Meter in der Höhe. In weiten Teilen der Welt sind solch riesige Kleinlaster nahezu unverkäuflich, in den USA dagegen stellt Ford mit der ähnlich dimensionierten F-Series seit Jahrzehnten das erfolgreichste Auto des Landes und phasenweise der Welt. 2020 verkaufte Ford trotz Corona noch fast 800.000 F-Series, mehr als Opel insgesamt absetzen konnte.  

Kurz gesagt: In den USA sind Pick-ups am Automarkt der Top-Faktor. Wer sich hier durchsetzt, hat Chancen auf das ganz große Geld. Rivians R1T kostet mindestens 73.000 US-Dollar. Tesla hat zwar 2019 den Cybertruck vorgestellt und will mit der Produktion 2022 in Texas starten. Ford hat einen elektrischen F-150 ebenfalls für 2022 angekündigt. Rivian war in beiden Fällen schneller – und hat damit auch etliche andere Elektroauto-Start-ups abgehängt. Der Hersteller produziert bereits, und zwar in einem ehemaligen Mitsubishi-Werk in Illinois. Schafft es Rivian, zum Synonym für elektrische Pick-ups zu werden, winkt vorerst die Rolle des Marktführers. Allein diese Aussicht beflügelt die Fantasie der Geldgeber.  

Keine Zukunft für den Verbrenner

Und noch etwas beweist der Rivian-Börsengang: Der amerikanische Geldadel glaubt nicht mehr an eine Zukunft für den Verbrennungsmotor. Rund um die Welt verordnen Regierungen ihm den Aufkleber „Zu verbrauchen bis…“. Amerikas wichtigste Fahrzeuggattung kommt bisher jedoch nicht ohne großvolumige Benziner mit zweistelligem Verbrauch aus. Lässt sich das ändern, indem der Pick-up erfolgreich elektrisiert wird, können die USA auf einen Schlag einen großen Schritt weiterkommen bei der Dekarbonisierung ihres Verkehrs. Im Jahr 2030 soll jeder zweite neu zugelassene Pkw in den USA elektrisch fahren. Solange die andere Hälfte jedoch aus großen Pick-ups mit großen Motoren besteht, wird es für die USA schwer, ihre Klimaziele zu erreichen.  

So groß Rivians Chancen sind, in den USA zum Big Player zu werden: Für den Weltmarkt eignen sich die klobigen Modelle kaum. Will Rivian wie Tesla den Siegeszug um die Welt antreten, braucht der Hersteller in Zukunft andere Modelle. Kleine Pick-ups für Asien, kompakte SUV für Europa. Das Vertrauen der Börse gilt aber vorerst dem Versprechen, den „Light Truck“ zu verstromen. Wie bei Tesla ist die hohe Börsenbewertung eine Wette auf die Zukunft. Aber: Tesla ist heute der größte Elektroauto-Hersteller der Welt. Dass andere Hersteller inzwischen auch in diese Dimensionen vorstoßen, hat der Bewertung nicht geschadet.  

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